Inhalt

Prolog – Ein Leben hinter den Drums

1

Erroll Garner und ein Schlagzeuger, der keine Ahnung hatte

2

Jetzt wird es ernst

3

Das Mädchen mit den Kniestrümpfen

4

Das Terrasse in Zürich – James Bond und Black Sabbath

5

Die Pension Haruda

6

Stuttgart und die GIs

7

Heute Abend Saas-Fee

8

Vier Monate im Suvretta House

9

Vier Wochen Persien – leider nein

10

Magdalena und der andere Mann

11

Sechs Mann im Palace

12

Eine rote Rose von Josephine Baker

13

Ein Ludwig musste her

14

Wie wir arbeiteten

15

Das Geistermotel

16

Curt Prina und die 10’000 Franken

17

Mein Triumph und die schwedische Luxussteuer

18

Verbier – plötzlich stehen die Stars auf unserer Bühne

19

Mitten auf der Adria wird es italienisch

20

Hazyland und der FC Basel

21

Meine Profikarriere geht zu Ende

22

Meine Zeit mit MONROE – Rockband 1980

23

Drummerworld – meine zweite Karriere

24

Prolog – Ein Leben hinter den Drums

1

Erroll Garner und ein Schlagzeuger, der keine Ahnung hatte

2

Jetzt wird es ernst

3

Das Mädchen mit den Kniestrümpfen

4

Das Terrasse in Zürich

5

Die Pension Haruda

6

Stuttgart und die GIs

7

Heute Abend Saas-Fee

8

Vier Monate im Suvretta House

9

Vier Wochen Persien – leider nein

10

Magdalena und der andere Mann

11

Sechs Mann im Palace

12

Eine rote Rose von Josephine Baker

13

Ein Ludwig musste her

14

Wie wir arbeiteten

15

Das Geistermotel

16

Curt Prina und die 10’000 Franken

17

Mein Triumph und die schwedische Luxussteuer

18

Verbier – plötzlich stehen die Stars auf unserer Bühne

19

Mitten auf der Adria wird es italienisch

20

Hazyland und der FC Basel

21

Meine Profikarriere geht zu Ende

22

Meine Zeit mit MONROE – Rockband 1980

23

Drummerworld – meine zweite Karriere

24

01

Prolog

Ein Leben hinter den Drums

Ich bin jetzt achtzig Jahre alt und spiele noch immer Schlagzeug.

Natürlich nicht mehr jeden Abend bis drei Uhr morgens und anschliessend vielleicht noch weiter bis zum Frühstück. Aber wenn ich mich hinter meine Drums setze, ist manches noch genauso wie damals.

Nur dass „damals“ inzwischen sehr lange her ist.

In Basel gibt es eine grosse Trommeltradition: das Basler Trommeln. Eine sehr eigenwillige und technisch anspruchsvolle Art des Trommelns, eng verbunden mit der Basler Fasnacht – einer Kultur, der Zehntausende von Trommlern und Pfeifern frönen.

Auch bekannte amerikanische Drummer beschäftigten sich mit dieser Art von Rhythmik, zum Beispiel Gene Krupa.

Ich besuchte als Knabe eine Trommelschule und erlernte dort das Basishandwerk.

Jede Woche trafen wir uns mit einem Instruktor der „Lälli-Clique“ im Stammlokal Restaurant Sternen in der Aeschenvorstadt in Basel.

Getrommelt wurde auf Holzböckchen. Zehn Buben – alle im Takt.

Am Schluss gab es ein grosses Schinkenbrot mit Butter. Das war jeweils der Höhepunkt des Abends.

Auch der berühmte Jazzdrummer Joe Morello besuchte Basel wegen der Trommeltradition. Bekannt geworden war er vor allem durch sein legendäres Drumsolo im Dave-Brubeck-Titel „Take Five“ – ein Stück im ungewöhnlichen 5/4-Takt und einer der erfolgreichsten Jazz-Titel aller Zeiten.

Und wenn schon ein solch prominenter Drummer in Basel weilte, veranstaltete das Musikhaus Zenker in der Safran Zunft eine Drum-Show, bei der Joe Morello sein Können zeigte.

Nach dem Konzert sass Joe mit uns Buben an einem Tisch, und wir lauschten aufmerksam seinen Anekdoten und Geschichten.

So wechselte mein Interesse ziemlich schnell vom Basler Trommeln zum Jazz.

Mein grosses Vorbild war damals Brian Bennett von der englischen Gitarrenband THE SHADOWS – ein technisch sehr versierter und filigraner Drummer.

Berühmt unter Schlagzeugern wurde sein Drumsolo „Little B“, eine komplexe Schlagzeugnummer.

Jeder Drummer in Basel versuchte dieses Stück zu spielen. Fast könnte man sagen: Es war damals die Aufnahmeprüfung für eine Band.

Ich übte jeden Tag mehrere Stunden – jahrelang – und hörte so viele Schallplatten wie möglich.

Manchmal hielt ich einen Finger auf den Plattenteller, um die Geschwindigkeit zu drosseln. So konnte ich besser heraushören, was der Drummer eigentlich spielte.

Bald spielte ich in mehreren Beatbands. Den Begriff Rockband gebrauchte man damals noch kaum.

Nach Abschluss meiner kaufmännischen Lehre und mit meinen Diplomen im Sack entschloss ich mich, Berufsmusiker zu werden.

Ich war jung, wollte spielen und hatte eigentlich keine Ahnung, wohin mich dieses Schlagzeug noch bringen würde.

Bald kamen die ersten Anfragen und Verträge mit Tanzorchestern.

Wir spielten in Hotels, Dancings und Nachtclubs in der Schweiz und in ganz Europa.

In den Städten blieben wir meistens nur kurze Zeit, denn das Publikum blieb immer dasselbe und nach vierzehn Tagen war genug.

In den Ferienorten konnten es Monate werden. Dort wechselten die Gäste alle ein oder zwei Wochen, und für das neue Publikum waren auch wir wieder neu.

Manchmal spielten wir monatelang ohne einen einzigen freien Tag. Das klingt heute vielleicht unvorstellbar, aber für uns war es der Beruf.

Auch wenn ich einmal kein Engagement hatte, war das Schlagzeug immer griffbereit.

Ein Telefonanruf konnte genügen, und wenige Stunden später sass ich im Zug zu irgendeinem Engagement.

Manchmal wusste ich kaum, mit wem ich am Abend spielen würde. Viel Zeit zum Nachdenken gab es ohnehin nicht.

Man musste spielen können, aber das allein genügte nicht. Man musste zuhören, schnell begreifen und sich anpassen.

Und vor allem musste man zuverlässig sein.

Ein „Das können wir leider nicht“ gab es vor Gästen möglichst nicht.

Wenn jemand ein Stück verlangte, das keiner von uns richtig kannte, wurde kurz beraten. Einer erinnerte sich vielleicht an die Melodie, ein anderer an die Harmonien – und ich war der Drummer.

Ich musste wenigstens wissen, wann wir anfangen und wann wir wieder aufhören.

Meistens hat es funktioniert.

In den grossen Hotels und Dancings begegneten uns Menschen, von denen ich damals manchmal gar nicht begriff, wie berühmt sie waren.

Andere waren noch völlig unbekannt und wurden erst später weltberühmt.

Und wieder andere waren überhaupt nicht berühmt – lieferten aber die besseren Geschichten.

Es war eine Welt, die heute weitgehend verschwunden ist.

In einem grossen Dancing stand nicht einfach ein DJ hinter seinem Pult. Da stand ein Orchester.

Abend für Abend, stundenlang.

Wir spielten zum Tanzen, begleiteten Sänger, Showstars und Artisten, erfüllten Musikwünsche und improvisierten, wenn auf der Bühne etwas schiefging.

Und selbstverständlich durfte der Gast davon möglichst nichts merken.

Wir waren Berufsmusiker.

Natürlich war dieses Leben nicht so glamourös, wie es im Rückblick vielleicht klingt. Wir lebten aus Koffern, arbeiteten nachts und schliefen, wenn andere Menschen arbeiteten.

Während die Gäste Ferien machten, waren wir diejenigen, die dafür sorgten, dass sie am Abend etwas zu feiern hatten.

Aber ich hätte damals kaum mit jemandem tauschen wollen.

Ich war jung, ich war Schlagzeuger, und Europa lag vor mir.

Heute, mit achtzig Jahren, stelle ich fest, dass mir nicht unbedingt die perfekten Abende am deutlichsten in Erinnerung geblieben sind.

Es sind die Pannen, die Zufälle und die Menschen.

Situationen, die damals völlig normal erschienen und bei denen ich heute manchmal denke:

Na sowas.

Einige dieser Geschichten habe ich jahrzehntelang niemandem erzählt. Jetzt möchte ich sie erzählen.

Nicht, weil früher alles besser war.

Es war einfach anders.

Und vielleicht beginnt die ganze Geschichte am besten bei einem neunzehnjährigen Rockfan, der eines Tages gefragt wurde, ob er kurzfristig einen amerikanischen Jazzpianisten begleiten könne.

Es gebe allerdings etwas, das man ihm vorher sagen müsse.

Der Pianist sei schwarz.

Ob das für ihn ein Problem sei?

Für mich war das kein Problem.

Ein anderes Problem hatte ich schon eher:

Ich hatte keine Ahnung, wer Erroll Garner war.

02

Erroll Garner und ein Schlagzeuger, der keine Ahnung hatte

Ich war neunzehn Jahre alt, Schlagzeuger und ziemlich überzeugt davon, dass Rockmusik das Wichtigste auf der Welt sei.

Berufsmusiker im grossen Stil war ich noch nicht. Ich spielte hier und dort, sprang ein, wenn jemand einen Drummer brauchte, und hatte offenbar bereits den Ruf, einigermaßen unkompliziert und zuverlässig zu sein. Das war als Musiker nicht die schlechteste Voraussetzung.

Ausserdem hatte ich meine kaufmännische Ausbildung und einige Diplome in der Tasche. Wenn gerade kein Engagement da war, konnte ich irgendwo im Büro arbeiten und etwas Geld verdienen.

Dann kam eine Anfrage. Im feudalen Hotel Reber in Locarno wurde für einige Wochen ein Schlagzeuger gebraucht. Dort spiele ein amerikanischer Jazzpianist. Ob ich mir das zutraue?

Warum nicht.

Dann kam noch eine etwas merkwürdige Frage: Ob es mir etwas ausmache, dass der Pianist schwarz sei.

Heute klingt eine solche Frage unglaublich. Damals hielt man es offenbar für notwendig, einen jungen Schweizer Musiker vorher darauf hinzuweisen. Mir war es vollkommen egal. Ich wollte Schlagzeug spielen.

Also fuhr ich nach Locarno. Der Pianist hiess Erroll Garner.

Das sagte mir nicht besonders viel.

Ich war auf Rockmusik fixiert. Jazz gehörte nicht zu meiner Welt, und dass dieser kleine Mann am Klavier bereits einer der grossen Jazzpianisten Amerikas war, begriff ich erst später richtig.

Vielleicht war das sogar ein Vorteil. Ich hatte keine Ehrfurcht. Ich musste einfach mit ihm spielen.

Und das war schwierig genug.

Garner hatte eine Art, mit dem Rhythmus umzugehen, die mich zunächst ziemlich beschäftigte. Er wechselte, verschob, zog an und liess wieder los. Für einen jungen Schlagzeuger, der gewohnt war, einen ordentlichen Rhythmus hinzulegen und diesen dann auch dort zu lassen, wo er hingehörte, war das gewöhnungsbedürftig.

Irgendwann gab er mir einen Rat. Sinngemäß sagte er: Wenn du nicht weisst, was ich gerade mache, mach einfach einen Stopp. Und überhaupt solle ich nicht so viel spielen. Besen, leise, zuhören.

Das war vermutlich eine der besseren Schlagzeuglektionen meines Lebens. Nicht spielen kann manchmal schwieriger sein als spielen.

Also spielte ich mit Besen, hörte zu und versuchte, Garner nicht im Weg zu stehen. Offenbar funktionierte es. Er war zufrieden, und damit war für mich die Sache eigentlich erledigt. Ich hatte einen Job.

Heute muss ich darüber lachen. Da sitzt ein neunzehnjähriger Rockfan vier Wochen lang hinter Erroll Garner und denkt nicht:

Mein Gott, ich spiele mit Erroll Garner!

Sondern eher: Hoffentlich macht er nicht schon wieder so einen Rhythmuswechsel.

Vielleicht war genau das die Unbekümmertheit, die man mit neunzehn noch haben kann. Man weiss noch nicht, vor wem man eigentlich Angst haben müsste.

Im Hotel Reber wohnte zu dieser Zeit noch ein anderer Amerikaner, der mir zunächst ebenfalls nicht besonders viel bedeutete: Lorne Greene.

Für Millionen Fernsehzuschauer war er Ben Cartwright, der Vater aus Bonanza. Die Serie war in Amerika schon Jahre zuvor gelaufen. In der Schweiz dagegen war Bonanza damals hochaktuell. Lorne Greene konnte hier kaum auf die Strasse gehen, ohne erkannt zu werden.

Und genau darauf hatte er überhaupt keine Lust.

Nach meiner Erinnerung verliess er während seines Aufenthalts das Hotel praktisch nie.

Stattdessen sass er tagsüber am Swimmingpool, rauchte Zigarren und trank Whisky. Das klingt jetzt vielleicht, als sei er ständig betrunken gewesen. War er überhaupt nicht. Er trank einfach seinen Whisky, rauchte seine Zigarren und wollte seine Ruhe haben.

Wir verstanden uns ausgezeichnet.

Lorne Greene sang auch ein wenig. Und so kam es gelegentlich zu später Stunde zu einer Kombination, die ich heute gerne gefilmt hätte:

Erroll Garner am Klavier, Lorne Greene singend, ich am Schlagzeug – und ein Bassist.

Beim Bassisten muss ich mich entschuldigen. Ich habe keine Ahnung mehr, wer es war. Man kann sich eben nicht alles sechzig Jahre lang merken.

Dann tauchte Peter Alexander auf. Auch er war im Hotel, zusammen mit Heintje, dem damaligen Kinderstar. Sie drehten einen Film im Tessin.

Peter Alexander bemerkte offenbar, dass ich einen guten Draht zu Lorne Greene hatte, und fragte mich, ob ich ihn nicht einmal mit Lorne Greene zusammenbringen könne.

Für mich klang das nicht besonders kompliziert. Ich ging zu Lorne und sagte sinngemäss: Peter Alexander würde dich gerne kennenlernen. Kann er sich einmal zu uns setzen?

Die Antwort war eindeutig. Nein.

Kein Interesse. Er kenne ihn nicht. Er wolle seine Ruhe haben.

Damit war die Sache erledigt. Peter Alexander war im deutschsprachigen Raum ein riesiger Star. Lorne Greene interessierte das nicht im Geringsten.

Ich fand das irgendwie sympathisch.

Was aus dem Film geworden ist, weiss ich nicht. Heintje kam in den Stimmbruch und die Filmcrew zog weiter.

Nach vier Wochen war mein Engagement im Hotel Reber vorbei. Ich packte mein Schlagzeug zusammen. Erroll Garner war zufrieden gewesen, Lorne Greene blieb am Pool zurück, und ich zog weiter zum nächsten Engagement.

Kein grosses Abschiedskapitel. Keine Erkenntnis, dass ich gerade vier Wochen mit einer Jazzlegende gespielt hatte. Ich war neunzehn. Vor mir lagen das nächste Orchester, das nächste Hotel und die nächste Stadt.

Erst viel später begriff ich, was für eine aussergewöhnliche Begegnung mir da gleich zu Beginn meiner Laufbahn passiert war. Aber vielleicht musste es genau so sein. Hätte mir damals jemand gesagt:

„Bernhard, pass auf, dieser Mann ist Erroll Garner. Einer der ganz Grossen“, hätte ich womöglich vor lauter Ehrfurcht keinen geraden Takt mehr gespielt.

So nahm ich einfach meine Besen, hörte zu – und wenn ich nicht mehr wusste, was er machte, machte ich einen Stopp. Das funktionierte erstaunlich gut.

Leider gibt es dieses wunderbare Hotel heute nicht mehr – es musste einer grossen Ueberbauung weichen.

Und wer sich jetzt fragt, wie das damals geklungen hat:

Es gibt tatsächlich noch einen musikalischen Eindruck davon:

Bernhard & Erroll Garner – Locarno 1969:

Click Youtube Link:

Hotel Reber – 1969

03

Jetzt wird es ernst

Der Wunsch, Berufsmusiker zu werden, war das eine. Davon leben zu können, war etwas anderes.

Ich hatte immerhin einen grossen Vorteil: Ich musste nicht Musiker werden. Meine kaufmännische Ausbildung hatte ich abgeschlossen, dazu kamen entsprechende Diplome. Wenn gerade kein Engagement da war, konnte ich in einem Büro arbeiten. Das hatte ich auch schon gemacht.

Aber sobald irgendwo ein Schlagzeuger gebraucht wurde, war das Büro für mich nicht mehr besonders interessant.

Ich war Freelancer. Heute würde man vielleicht sagen: flexibel einsetzbar.

Damals bedeutete es vor allem, dass das Telefon jederzeit klingeln konnte. Und wenn es klingelte, musste man bereit sein.

So kam ich nach und nach in eine ganz andere Liga des Musikgeschäfts. Es gab damals ein Netzwerk von Agenturen, Hotels, Dancings und Orchestern. Wer einmal darin war und sich bewährte, wurde weitervermittelt.

Für mich besonders wichtig wurde die Viston-Agentur von Hazy Osterwald.

Hazy Osterwald war damals in der Schweiz eine Institution, sein Sextett weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt.

Für uns Musiker war aber mindestens ebenso wichtig, was hinter den Kulissen existierte: ein Netzwerk, über das gute Orchester an gute Häuser vermittelt wurden.

War man dort angeschlossen, öffneten sich Türen. Und plötzlich war Europa gar nicht mehr so gross.

Das System war eigentlich logisch: In einer Stadt blieb eine Band eher kürzer. Dort kamen Abend für Abend mehr oder weniger dieselben Leute, und irgendwann kannten sie unser Programm. Also musste ein neues Orchester her.

In den Ferienorten war es genau umgekehrt. Gstaad, St. Moritz, Verbier und ähnliche Orte lebten von ihren Gästen. Nach ein oder zwei Wochen reisten die einen ab und die nächsten kamen. Für die neue Gesellschaft waren auch wir wieder neu.

Deshalb konnte man dort monatelang spielen. Für einen Berufsmusiker war ein solches Engagement Gold wert. Man wusste: Die nächsten Monate habe ich Arbeit.

Mit Freizeit hatte das allerdings wenig zu tun. Wenn ich heute erzähle, dass wir in den schönsten Ferienorten Europas spielten, klingt das beinahe wie Urlaub.

Das war es nicht. Wir waren dort, weil andere Leute Urlaub machten.

Am Abend mussten wir bereit sein. Jeden Abend.

In einem guten Orchester gab es keine Ausrede wie: Heute bin ich nicht so in Form. Wir waren eingespielt, und der Chef hörte die kleinste Abweichung. Ein Gast, der viel Geld für seinen Aufenthalt bezahlte, erwartete ebenfalls, dass die Musik funktionierte.

Also funktionierte sie.

Ich lernte in dieser Zeit etwas, das mir später immer wieder geholfen hat:

Als Berufsmusiker muss man nicht nur gut spielen können.

Man muss zuverlässig sein, zuhören, sich anpassen und mit anderen Musikern klarkommen. Wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, darf man nicht erst lange diskutieren.

Man spielt.

Vielleicht war genau das meine Stärke. Ich war kein komplizierter Typ. Wenn jemand einen Drummer brauchte, stellte ich nicht zuerst zwanzig Bedingungen.

Wo? Wann? Wie lange?

Schlagzeug einpacken und los.

Auf diese Weise kam ich schliesslich zu Orchestern, mit denen ich über längere Zeit durch Europa zog. Eines davon war das Orchester Piero Pieri. Sechs Mann, ein richtiges Berufsorchester.

Mit Piero Pieri kam ich in Häuser, die für mich eine vollkommen neue Welt bedeuteten: ins Palace in Gstaad und ins Suvretta House in St. Moritz. Dort sassen Menschen im Publikum, deren Namen man aus der Zeitung kannte – Politiker, Industrielle, Filmstars, Sportler und Adelige.

Für uns machte das zunächst keinen grossen Unterschied.

Ob Bundesrat oder Bäcker: Wenn er tanzen wollte, mussten wir den richtigen Rhythmus spielen.

Und ich war wirklich sehr zufrieden als Zwanzigjähriger in diesem Orchester als vollwertiges Miglied spielen zu dürfen, denn meine Mitmusiker waren alle über 30 Jahre alt.

Mit meiner Rolle as Drummer war ich glücklich und das Motto lautete:

Ein gutes Orchester mit einem schlechten Drummer ist ein schlechtes Orchester.

Ein schlechtes Orchester mit einem guten Drummer ist ein gutes Orchester.

Auch Magdalena begann mich auf diesen Reisen zu begleiten. Für sie muss diese Welt mindestens ebenso neu gewesen sein wie für mich. Nur hatte sie eine Eigenschaft, die sich bald zeigen sollte: Sie konnte sich offenbar überall souverän bewegen.

Während ich hinter meinem Schlagzeug saß, kam sie mit Menschen ins Gespräch und gehörte manchmal plötzlich ganz selbstverständlich zu Gesellschaften, in die wir beide eigentlich gar nicht hineingeboren worden waren.

Ich war der Musiker. Magdalena war einfach Magdalena. Und irgendwie genügte das.

04

Das Mädchen mit den Kniestrümpfen

Ich war neunzehn Jahre alt und spielte mit meiner Beat-Band zum ersten Mal im Ausland.

Im Publikum saß ein Mädchen. Sechzehn Jahre alt, wunderschön, Kniestrümpfe – und für mich war die Sache eigentlich schon entschieden, bevor wir überhaupt ein Wort miteinander gesprochen hatten. Ich sah sie aus der Ferne an und dachte:

Dieses Mädchen möchte ich heiraten.

Nach dem Konzert nahm ich meine Langhaarperücke ab und ging zu ihr.

„Hat dir die Musik gefallen?“

Ihre Antwort war eindeutig:

Sie sei Beatles-Fan – wir hätten aber eher wie die Rolling Stones gespielt.

Und meine langen Haare? Sie habe sowieso gesehen, dass die nicht echt seien.

Na wunderbar.

So lernte ich Magdalena kennen.

Viel wusste ich danach allerdings immer noch nicht über sie. Vor allem hatte ich weder ihre Adresse noch eine Telefonnummer. Trotzdem erklärte ich ihr bei diesem ersten Treffen allen Ernstes, dass ich eine Zukunft mit ihr sehe.

Und dann sagte ich: „Nächsten Sonntag, 12.30 Uhr, Bahnhof Basel. Ich erwarte Dich.“

Mehr hatten wir nicht vereinbart.

Heute würde man Telefonnummern austauschen, Nachrichten schreiben und sich vermutlich dreimal vergewissern, ob das Treffen wirklich stattfindet. Damals hatte ich nichts.

Ich wusste eine ganze Woche lang nicht, ob Magdalena überhaupt kommen würde.

Am Sonntag war ich viel zu früh am Bahnhof.

Ich wartete. Dann kam der Zug. Und Magdalena stieg aus.

Unsere erste Liebe war sehr zärtlich und unschuldig.

Wir gingen spazieren, aßen Eis, hielten uns an den Händen.

Ich nannte sie Maxilein.

Aus dem Mädchen mit den Kniestrümpfen, das ich eines Abends irgendwo im Publikum entdeckt hatte, wurde ganz selbstverständlich ein Teil meines Lebens.

Einmal musste ich am Abend spielen. Vorher sassen wir noch zusammen.

Sie nahm meine Hände und sagte:

„Damit du heute Abend besser spielen kannst.“

Mehr brauchte es damals nicht. Ich war glücklich.

Ihre Art, mich zu überraschen und Dinge einfach anzupacken, war typisch für Magdalena..

Jahre später zeigte sich das im Suvretta House auf eine Weise, die ich bis heute nicht vergessen habe.

Ich hatte ich eine neue Trommel bekommen.

Da hat Magdalena kurzentschlossen aus einer dicken Armee-Wolldecke eine Transporthülle gefertigt, mit Reissverschluss und allen Schikanen. Ganz alleine, stundenlang im Hotelzimmer, während ich unten im Dancing spielte.

Ich war vollkommen verblüfft, denn sie musste beim Direktor des Suvretta House, Herrn Müller, die Schlüssel für den Ballroom holen, um die Masse abzunehmen.

Die Hülle ist perfekt, und ich habe sie heute noch – so war Magdalena.

05

Das Dancing „Terrasse“ in Zürich

Nach meinen ersten Engagements kam ich mit dem Orchester Dr. Vlado Rubes ins Dancing Terrasse nach Zürich.

Wir waren ein Zehn-Mann-Orchester, und das Terrasse war keine kleine Bar, sondern ein grosser Betrieb mit Champagner, Animation und Showprogramm.

Gleich nebenan lag das Niederdorf, wo nachts einiges los war – allerdings nicht unbegrenzt. Damals galt in Zürich noch die Polizeistunde. Um Mitternacht war offiziell Schluss.

Für uns Musiker war das Terrasse ein richtiges Engagement:

Grosses Orchester, grosses Lokal, Artisten und internationales Publikum. Und irgendwann tauchten dort Gäste auf, bei denen wir zunächst gar nicht so genau wussten, was für eine Gesellschaft sich da eigentlich versammelt hatte.

In der Schweiz wurde gerade ein neuer James-Bond-Film gedreht. Nach Drehschluss kam die Filmcrew ins Terrasse. Sean Connery war dabei und auch Roger Moore. Magdalena war natürlich mittendrin. Sie konnte inzwischen ein bisschen Englisch und kam mit den Leuten ins Gespräch.

Die Stimmung war ausgelassen, und irgendwann machte Roger Moore zum Spass das, was bei James Bond natürlich jeder kannte. Er stellte sich hin und sagte:

„My name is Bond – James Bond.“ Grosses Gelächter.

Dann machte Sean Connery dasselbe. Wieder Gelächter.

Schließlich stand da noch ein dritter Mann. Gross, schlank, gut aussehend. Auch er machte mit:

„My name is Bond – James Bond.“ Diesmal lachte niemand.

Sean Connery und Roger Moore dafür umso mehr. Sie riefen ihm zu, er müsse noch üben.

Damit war die Sache für uns erledigt. Wer dieser dritte Mann war, wussten wir nicht.

Etwa ein Jahr später sassen Magdalena und ich im Kino und schauten den neuen James-Bond-Film. Plötzlich erschien dieser Mann auf der Leinwand.

Das ist doch der aus dem Terrasse! Sein Name war George Lazenby.

Na sowas.

Ausgerechnet derjenige, dem die beiden anderen erklärt hatten, er müsse noch üben, war nun tatsächlich der neue James Bond.

Im Terrasse liefen aber nicht nur Filmstars herum. Gleich nebenan, im Hotel Hirschen, spielte zur gleichen Zeit eine englische Band. Ein irrer, wilder Haufen, damals noch völlig unbekannt.

Sie nannten sich Black Sabbath.

Die Bedingungen, unter denen sie dort spielten, waren alles andere als luxuriös. Nach meiner Erinnerung mussten sie ungefähr acht Stunden spielen, mit nur kurzen Pausen. Und sie probten gerade an einem Stück, das später ziemlich bekannt werden sollte: „Paranoid“.

Ich freundete mich mit dem Schlagzeuger Bill Ward an, aber auch mit Ozzy Osbourne und den anderen Jungs. Wir waren Musiker, und das genügte meistens.

Manchmal kamen sie zu uns ins Terrasse. Nur gab es ein kleines Problem: Sie hatten nicht gerade viel Geld, und das Terrasse war kein Lokal, in dem sich eine junge englische Band jeden Abend etwas leisten konnte.

Also half ich etwas nach.

Ich lotste sie hinten durch den Artisteneingang hinein.

Im Backstagebereich konnten sie sich die Artisten und Zirkusnummern ansehen. Magdalena war manchmal ebenfalls dabei. Niemand machte ein großes Theater darum. Es waren Kollegen, also kamen sie eben hinten rein.

Umgekehrt ging ich am Nachmittag manchmal zu ihnen in den Hirschen.

Bill Ward entwickelte dabei eine lustige Angewohnheit:

Sobald ich zur Tür hereinkam, begann er zu hämmern: Drumsolo.

Ob er mir imponieren wollte oder sich einfach freute, dass ein anderer Schlagzeuger da war, weiss ich nicht. Vielleicht beides.

Seinen Mitmusikern war es ziemlich egal.

Der Chefin des Hauses dagegen überhaupt nicht.

Ich glaube, sie hieß Frau Schwarzwälder – beim Namen bin ich mir nach so vielen Jahren nicht mehr ganz sicher.

Jedenfalls hatte sie von Bills spontanen Schlagzeugausbrüchen irgendwann genug.

Eines Nachmittags kam ich wieder zur Tür herein.

Bill sah mich und legte sofort los. Trommeln, Becken, volle Kraft.

Dann ertönte aus der Sprechanlage die Stimme der Chefin:

„No drum solo please! No drum solo please!“

Kurze Pause.

„But a beer for Bernhard.“

Ich fand das damals einfach lustig. Mehr nicht.

Black Sabbath waren für mich keine Rocklegenden.

Sie waren die englischen Jungs von nebenan.

Genauso wenig hatte ich bei George Lazenby gedacht, dass diesen Mann bald die ganze Welt als James Bond kennen würde.

Wir wussten solche Dinge eben nicht.

Man traf Menschen, man spielte, man trank zusammen etwas und half sich gegenseitig.

Dann zog die Band weiter – das nächste Dancing wartete.

Und das Leben ging weiter.

Black Sabbath

06

Die Pension Haruda

In Zürich gab es damals die Pension Haruda.

Sie befand sich in einem grossen Mehrfamilienhaus, das ziemlich heruntergekommen war.

Für vorübergehende Aufenthalte von Tänzerinnen und Berufsmusikern war es trotzdem eine wichtige Adresse. Wer für einige Wochen oder Monate in Zürich arbeitete, brauchte schliesslich irgendwo ein Bett.

Am Eingang sass ein grimmiger Pförtner, der seine Aufgabe sehr ernst nahm. Kein Mann, der nicht auf der Einwohnerliste stand, durfte das Haus betreten.

Für mich war das kein Problem, denn ich wohnte dort. So kam ich zu der etwas ungewöhnlichen Situation, ein Zimmer in einem Haus zu haben, in dem ausserdem ungefähr vierzig Tänzerinnen lebten.

Es war eine fröhliche Gemeinschaft. In der gemeinsamen Küche wurde gekocht, geredet und gefeiert.

Viele Nationalitäten, Sprachen und Kulturen trafen aufeinander, und irgendwie verstand man sich trotzdem.

Die Menschen kamen und gingen. Ein Engagement begann, ein anderes endete, jemand musste in eine andere Stadt oder gleich in ein anderes Land weiterziehen. Manche Abschiede waren schwer. Man lebte eine Zeit lang sehr eng miteinander und wusste gleichzeitig, dass diese Gemeinschaft nie von Dauer sein würde.

Im Terrasse arbeitete damals eine wunderschöne ägyptische Tänzerin namens Aziza. Ehrlich gesagt war sie natürlich auch Animationsdame. Sie war sehr jung, vielleicht sechzehn – wer wusste das damals schon so genau.

Zum Geschäft gehörte Champagner. Allerdings tranken die Animationsdamen ihn damals nicht aus den heute üblichen hohen Cüpli, sondern aus breiten Champagnerschalen. Mit kleinen Holzstäbchen quirlten sie den Schaum aus dem Champagner. Das, so hiess es, verhindere einen aufgeblähten Bauch.

Ob das medizinisch irgendeinen Sinn ergab, interessierte niemanden besonders. Es wurde gemacht.

Aziza suchte dringend ein Zimmer, und ich versuchte ihr zu helfen. Nur war das Haruda praktisch ausgebucht.

Zu meinem Zimmer gehörte allerdings noch eine Art Wintergarten auf dem Balkon. Der war zwar nicht geheizt, aber immerhin war es ein Raum.

Also zog Aziza dort ein.

Damit entwickelte sich ein eigenartiger Alltag. Ich kam von der Arbeit nach Hause und schlief längst, wenn irgendwann Aziza betrunken an meine Tür polterte.

Ich stand auf, machte ihr auf, und sie verschwand in ihrem Wintergarten.

Das funktionierte eine Zeit lang ganz gut.

Bis es Winter wurde – irgendwann war es dort draussen schlicht zu kalt.

Eines Morgens wachte ich auf und stellte fest, dass Aziza nicht mehr im Wintergarten lag.

Sie hatte sich zu mir ins Bett gelegt und an meine Seite gekuschelt.

Das wollte ich eigentlich nicht.

Aber wer schubst schon eine schöne Frau von der Bettkante?

Damit war offenbar auch dieses Problem gelöst.

Etwas merkwürdiger wurde es, wenn Aziza mir im Terrasse gegen Mitternacht einen Zettel zusteckte. Darauf stand eine Adresse und die Bitte:

„Kannst du mich dort in einer Stunde abholen?“

Und natürlich fuhr ich hin und holte sie ab. Manchmal fragte ich mich schon:

Bin ich jetzt etwa sogar zum Zuhälter geworden?

Ich denke nicht.

Ich war eher Fahrer, Zimmervermittler und gelegentlich unfreiwillige Heizung.

Auch Magdalena freundete sich mit Aziza an.

Für uns war diese ganze Situation damals weniger aussergewöhnlich, als sie heute vielleicht klingt.

Es waren eben die sechziger Jahre.

07

Stuttgart und die GI’s

Wir spielten mit José Marka in Stuttgart in einem grossen Club, in dem viele amerikanische Soldaten verkehrten. Die GI’s waren ein dankbares Publikum. Sie wollten Musik, Stimmung und feiern, und wenn ihnen etwas gefiel, konnten sie ziemlich hartnäckig werden.

Eines Nachts waren wir gegen zwei Uhr morgens mit unserem Programm fertig. Wir wollten nach Hause ins Hotel, aber daraus wurde nichts.

Einige amerikanische Soldaten bestürmten uns, unbedingt noch mit in ihren Army-Club auf dem Killesberg zu kommen. Dort spielte eine amerikanische Band, und offenbar waren die GI’s der Meinung, wir sollten den Kollegen einmal ordentlich einheizen.

Ich hatte überhaupt keine Lust mitzugehen. Nicht wegen der Amerikaner und auch nicht wegen der Musik, sondern wegen Magdalena. Sie wartete im Hotel auf mich und hatte wahrscheinlich schon unser Essen vorbereitet.

Wir lebten damals schliesslich in einem etwas anderen Tagesrhythmus als andere Leute. Wenn diese bereits an das Frühstück dachten, gab es bei uns Nachtessen. Meistens sassen Magdalena und ich gegen drei Uhr morgens am Tisch.

Aber die Amerikaner liessen nicht locker, und schliesslich musste ich mit.

Im Camp auf dem Killesberg angekommen, hatte ich allerdings keine Ruhe. Magdalena wusste nicht, wo ich war, und ich konnte mir lebhaft vorstellen, wie sie im Hotel sass und auf mich wartete.

Also suchte ich den Kommandanten und erklärte ihm mein Problem.

Für ihn war die Sache erstaunlich einfach.

„No problem.“

Er liess zwei Jeeps der amerikanischen Militärpolizei zu unserem Hotel fahren.

Was dann genau abgesprochen wurde, weiss ich nicht, aber die MP’s machten aus der Sache offenbar ein kleines Spektakel.

Sie erschienen beim Hotel und „verhafteten“ Magdalena. Natürlich nur zum Spass. Aber wenn schon, dann richtig: mit zwei Militärjeeps, Sirenen und Blaulicht.

Anschliessend ging es mit Magdalena durch Stuttgart zum Killesberg. Nach ihrer Erzählung fuhren sie teilweise mit über hundert Stundenkilometern durch die Stadt.

Die amerikanischen Streitkräfte hatten im damaligen Deutschland Freiheiten und Möglichkeiten, die für uns ziemlich beeindruckend waren. Als Besatzer durften sie alle Verkehrsregeln brechen und die ordentliche Polizei hatte nichts zu melden. Ihre Hauptaufgebe bestand darin, nach Mitternacht die GI’s in den Bars aufzulesen und in ihr Quartier zu bringen.

Ich hätte vielleicht erwartet, dass Magdalena nach dieser nächtlichen Aktion völlig entnervt im Camp ankommen würde.

Das Gegenteil war der Fall.

Es hatte ihr ausgezeichnet gefallen.

Damit war auch mein schlechtes Gewissen erledigt. Magdalena war da, die GI’s waren zufrieden, und wir konnten uns endlich um das kümmern, weswegen sie uns überhaupt mitgeschleppt hatten: Musik.

Aus dem kurzen Abstecher nach unserem eigentlichen Feierabend wurde eine zweite Nachtschicht. Wir spielten und spielten, die Amerikaner feierten, und irgendwann wurde es draussen wieder hell.

Gegen acht Uhr morgens war schliesslich Schluss.

Wann Magdalena und ich an diesem Tag unser Nachtessen gegessen haben, weiss ich nicht mehr.

Zum Frühstück wäre es jedenfalls bereits zu spät gewesen.

Die Reiserei durch Europa und die Kirchensteuer

Ich bin immer noch in der Schweiz, in Basel, gemeldet.

Und wenn es um den Militärdienst in der Schweiz ging, konnte man wiederum erklären:

Keine Zeit, ich bin jetzt in Deutschland, in Berlin, angemeldet.

Dass man Berlin längst wieder verlassen hatte, ohne sich abzumelden, musste man ja nicht unbedingt erwähnen.

Ich besass sogar einen Steuerausweis aus dem Fürstentum Liechtenstein, den ich bei eventuellen Problemen vorweisen konnte.

So kam es, dass einige meiner Kollegen überall sehr viele Steuern bezahlten.

Andere wiederum nirgends.

Doch einmal gab es dicke Post.

Wir spielten gerade im renommierten Hotel Bayerischer Hof in München.

Gegen elf Uhr nachts erschienen drei Polizisten. Damals nannte man sie noch Gendarmen.

Sie waren von Berlin aus beauftragt worden, mir ein Schreiben wegen der Schweizer Kirchensteuer zu überbringen. Und die überfleissigen Beamten hatten mich tatsächlich gefunden.

Wir waren mitten am Spielen, und die drei standen in Uniform vor der Bühne.

Ein Polizist hätte natürlich vollkommen genügt. Ich war schließlich kein Gewalttäter. Sie mussten mir lediglich ein Schreiben aushändigen.

Aber wahrscheinlich wollten die Herren den Bayerischen Hof auch einmal von innen sehen.

Also waren sie zu dritt gekommen. Der gewaltige Betrag, um den es ging:

81 Franken und 50 Rappen.

Wahrscheinlich habe ich auch deshalb irgendwann meinen Austritt aus der Kirche erklärt.

08

Heute Abend Saas-Fee

Es gab im Leben eines Berufsmusikers immer wieder Zeiten, in denen gerade kein Engagement anstand.

In einer solchen Phase sass ich zu Hause in Basel und überlegte, vorübergehend wieder eine kaufmännische Stelle anzunehmen.

Das war für mich kein Problem. Ich hatte meine Ausbildung, meine Diplome und bereits gute Erfahrungen in solchen Stellen gemacht.

Dann klingelte das Telefon.

In Saas-Fee brauchte ein Orchester dringend einen Schlagzeuger.

Der bisherige Drummer lag mit akutem Blinddarm im Spital. Ich sollte sofort kommen.

Sechs-Mann-Orchester. Heute Abend.

Dalli, dalli.

Damit war die kaufmännische Karriere vorläufig wieder beendet.

Saas-Fee war autofrei. Also musste alles mit der Bahn ins Wallis. Mein Gepäck war kein Problem, und auch mein Schlagzeug war natürlich griffbereit. Als Musiker musste man schliesslich damit rechnen, dass so ein Anruf kam.

Also alles in den Gepäckwagen des Reisezuges und los.

Nur Magdalena konnte ich nicht mehr erreichen. Keine Handys, keine SMS, keine kurze Nachricht: Bin für einige Wochen in Saas-Fee, melde mich später.

Ich war einfach weg.

In Saas-Fee angekommen, erwartete mich die nächste Überraschung. Die Band war italienisch, und ich sprach kein Italienisch.

Aber Musiker haben ihre eigene Sprache. Einer zählt ein, und dann sieht man weiter.

„Ob-La-Di, Ob-La-Da“, „Azzurro“, italienische Hits – vieles kannte ich, anderes musste ich eben möglichst schnell begreifen.

Es klappte erstaunlich gut. Und vor allem machte es Spass.

Das Dancing war gross und sehr gut besucht.

Vor Beginn warteten die Leute teilweise bereits draussen auf Einlass.

Einmal wurde mir dieser Erfolg sogar selbst zum Verhängnis:

Die Security hatte gewechselt und liess mich nicht hinein. Auf ihrer Liste stand noch der Name des alten Schlagzeugers.

Ich konnte erklären, was ich wollte. Der Mann an der Tür kannte mich nicht.

Irgendwie gelang es schliesslich doch, ihm klarzumachen, dass der verdächtige Herr aus Basel möglicherweise tatsächlich zur Band gehörte.

Tagsüber hatte ich viel Zeit. Im Dancing verkehrten viele Skilehrer, erkennbar an ihren roten Jacken mit dem Schweizerkreuz.

Nach Musikschluss sassen wir manchmal noch zusammen und pokerten um kleine Beträge.

Irgendwann fragten sie mich: „Bernhard, warum fährst du eigentlich nicht Ski?“

Ich hatte eine gute Entschuldigung. Das dürfe ich als Musiker nicht, sagte ich. Zu gefährlich.

Die Antwort war eindeutig: „Papperlapapp!“

Der frühere Schlagzeuger sei schliesslich auch Ski gefahren. Und was wolle ich überhaupt die nächsten sechs Wochen tagsüber machen?

Da hatten sie nicht ganz unrecht. Also gingen wir in ein Magazin der Skischule, und dort wurde ich mit allem ausgerüstet, was man zum Skifahren brauchte.

Ich konnte bereits ziemlich gut skifahren und kurvte nun tagsüber allein in den Bergen herum.

Manchmal sah ich die Skilehrer, sie winkten mir zu, ich winkte zurück.

Nur am Lift hatte ich ein Problem. Dort musste ich wie alle anderen anstehen, manchmal fast eine Stunde.

Am Abend kam Willy, der Oberskilehrer, ins Dancing. So gehe das nicht, erklärte er mir. Ich könne doch nicht stundenlang unten am Lift herumstehen.

Ausserdem müsse man jetzt schauen, dass ich möglichst schnell das Topniveau erreiche – wie an den Drums.

Dann gab er mir eine rote Skilehrerjacke. Sie solle mir Glück bringen.

Von diesem Moment an änderte sich mein Skileben erheblich. Ich stellte mich nicht mehr hinten an, sondern fuhr vorne an die Warteschlange und sagte ungefähr:

„Permesso, arrivati, thank you!“ Und es funktionierte.

Die Leute sahen die rote Skilehrerjacke mit dem Schweizerkreuz und machten selbstverständlich Platz. Ich war sofort am Lift oder in der Gondel.

Offenbar spielte ich meine neue Rolle ziemlich überzeugend. Denn irgendwann sprachen mich Feriengäste an und fragten, ob ich noch Termine für Privatstunden frei hätte. Sie würden mich ständig allein hinauf und herunterfahren sehen, und ich fahre doch offensichtlich recht gut.

Nun konnte ich schlecht erklären, dass ich gar kein Skilehrer war, sondern abends im Dancing Schlagzeug spielte.

Also hatte ich leider keine Termine mehr frei.

Vollständig ausgebucht.

Während ich in Saas-Fee inzwischen ein ziemlich angenehmes Leben führte, sah die Sache für Magdalena anders aus. Sie hatte von meinem plötzlichen Verschwinden nichts mitbekommen und kam offenbar zu einer naheliegenden Erklärung: Da musste eine Frau dahinterstecken.

Also rief sie meine Mutter an.

Meine Mutter konnte sie beruhigen.

Sie hatte einen ziemlich überzeugenden Beweis dafür, dass ich nicht zu einem romantischen Abenteuer verschwunden war.

„Sein Auto steht hier“, sagte sie sinngemäss.

„Aber sein Schlagzeug ist weg.“ Damit war eigentlich alles geklärt.

Wo mein Schlagzeug war, war ich normalerweise auch.

Diesmal eben in Saas-Fee. Tagsüber angeblich Skilehrer. Abends Schlagzeuger.

Und für Privatstunden leider vollständig ausgebucht.

Die Skilehrerjacke

 

Willy, der Oberskilehrer

09

Vier Monate im Suvretta House

Mit dem Orchester Piero Pieri kamen wir für vier Monate ins Suvretta House nach St.Moritz.

Vier Monate am selben Ort waren für einen Berufsmusiker eine wunderbare Sache.

Man musste nicht ständig Koffer packen, wusste, wo man in der nächsten Woche spielen würde, und vor allem wusste man, dass Geld hereinkam.

Einen freien Tag gab es zwar nicht, aber das war damals normal. Wir waren schliesslich nicht zum Skifahren in St.Moritz, sondern zum Arbeiten.

Das Suvretta House war eine Welt für sich. Ein grosses, elegantes Hotel, internationale Gäste und eine Atmosphäre, in der vieles, was anderswo ausergewöhnlich gewesen wäre, nach einigen Wochen fast zum Alltag gehörte. Wir spielten Abend für Abend, und während die Gäste wechselten, blieben wir. Dadurch bekamen wir natürlich einiges mit. Nicht weil wir besonders neugierig gewesen wären, sondern weil man als Musiker stundenlang am selben Platz sitzt und vor sich ein ganzes Hotel leben sieht.

Zu den Gästen, die über längere Zeit dort waren, gehörten der Schah von Persien und seine Gemahlin Farah Diba.

Sie wohnten mit ihrem Gefolge in der Villa Suvretta gleich neben dem Hotel. Dazu kamen die iranische Geheimpolizei und Schweizer Sicherheitskräfte aus dem Bundeshaus in Bern.

Der Schah und Farah erschienen aus Sicherheitsgründen nach meiner Erinnerung nie gemeinsam. Für uns Musiker wurde selbst das irgendwann normal. Wenn einer von beiden hereinkam, spielte man weiter.

Der Schah mochte Musik und hörte erstaunlich genau zu. Besonders gefiel ihm mein Drumsolo, in dem ich orientalische Rhythmen und ungerade Takte verwendete.

Ich hatte Spass an solchen Sachen und war natürlich nicht unglücklich darüber, dass ausgerechnet der Schah von Persien Gefallen an meinem Schlagzeugspiel fand.

Einmal stand er während des Solos auf, kam zu mir und legte mir beide Hände auf die Schultern, während ich weiterspielte.

Ich weiss nicht mehr, was mir in diesem Moment durch den Kopf ging.

Wahrscheinlich nicht besonders viel. Was sollte ich auch machen? Ich spielte eben weiter.

Heute könnte man daraus eine grosse Szene machen: der mächtige Schah von Persien, der junge Schweizer Schlagzeuger, orientalische Rhythmen im vornehmen Suvretta House. Damals war es einfach ein Abend während eines viermonatigen Engagements.

Am nächsten Tag sass ich wieder hinter meinem Schlagzeug, und irgendwann kam der Schah wieder. Erst wenn ich diese Dinge heute erzähle, merke ich manchmal selbst, wie ungewöhnlich sie eigentlich waren.

Ein Jahr später kehrte ich ins Suvretta zurück. Diesmal spielte ich nicht mehr bei Piero Pieri, sondern bei José Marka. Für mich war das ein Aufstieg.

José Marka und seine Band spielten in einem grossen Netzwerk erstklassiger Häuser, und musikalisch war das für mich ein weiterer Schritt nach vorne.

Der Schah war ebenfalls wieder da und bemerkte ziemlich schnell, dass etwas fehlte.

Er liess nachfragen, weshalb ich das Drumsolo mit den orientalischen Rhythmen, das ich im Vorjahr gespielt hatte, nicht mehr machte.

Die Erklärung war einfach: Bei José Marka gab es dieses Solo nicht.

Also setzte ich mich mit José zusammen, und wir bastelten etwas Passendes.

Damit war das Problem gelöst.

Mein Drumsolo war wieder da, der Schah war zufrieden, und wir spielten weiter.

Dahlia Lavi – Jerusalem lag plötzlich etwas höher

Wieder einmal im Suvretta House. Ein Stargast war angekündigt:

Dahlia Lavi – eine wunderschöne Frau, bekannt aus dem James Bond Film Casino Royale und im deutschsprachigen Raum längst ein Star.

Singen allerdings, so fanden wir, war nicht unbedingt ihre allergrösste Stärke.

Am Nachmittag bereiteten wir uns auf die Probe vor. Dahlia Lavi selbst erschien nicht, nur ihr Pianist kam und ging mit uns die Stücke durch.

Kein Problem. Wir waren Profis, die Arrangements waren klar, am Abend konnte eigentlich nichts schiefgehen.

Eigentlich.

Beim Auftritt verhaspelte sie sich in einem Stück und musste nochmals beginnen. Und dann sagte sie vor dem ganzen Publikum zu José:

„Cher Chef d’orchestre – können Sie das Stück nicht endlich so spielen, wie wir es am Nachmittag eingeübt haben?“

Das war natürlich völliger Blödsinn. Sie war am Nachmittag überhaupt nicht dabei gewesen.

Wir spielten das Stück nochmals – genau gleich wie vorher – und diesmal klappte es wunderbar. José lächelte freundlich. Aber ich kannte ihn gut genug. Hinter diesem Lächeln kochte es gewaltig. Das würde er nicht auf sich sitzen lassen.

Das nächste Stück war ausgerechnet ihr grosser Hit „Jerusalem“. Das Lied steigt durch mehrere Tonartwechsel immer weiter nach oben.

Und da fassten wir Musiker einen kleinen, aber folgenreichen Entschluss:

Wir setzten einfach die Anfangstonart höher an und begannen gewissermassen schon dort, wo es normalerweise erst später ernst wurde.

Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich festhalten:

Als Schlagzeuger war ich vollkommen unschuldig. Für Tonarten bin ich nicht zuständig. Ich mache nur das Tempo.

Dahlia begann also ganz angenehm. Zunächst schien alles bestens.

Doch langsam dämmerte ihr, was da musikalisch auf sie zukam.

Die Tonart stieg und stieg, und als wir uns der letzten Kurve vor dem steilen Schlussanstieg näherten, war klar: Da würde sie niemals hinaufkommen.

Also sang sie nicht mehr.

Sie trällerte nur noch: „La la la …“

Wir begleiteten sie selbstverständlich professionell bis zum Ende.

In den nächsten Tagen gab es keinerlei Probleme mehr.

Dahlia Lavi war zahm wie ein Lamm.

In dieser zweiten Zeit im Suvretta war auch Magdalena bei mir.

Sie sprach inzwischen ein bisschen Französisch, was in dieser internationalen Umgebung natürlich hilfreich war.

Sie war ohnehin ein Mensch, der nicht viel Anlauf brauchte, um mit anderen Leuten ins Gespräch zu kommen.

Dabei spielte es offenbar keine große Rolle, ob ihr Gegenüber ein Musiker, ein Hotelgast oder jemand aus einer vollkommen anderen gesellschaftlichen Welt war.

Eines Abends fand im Hotel eine große Gala statt. Der Pelzhändler Lindner und der Juwelier Gübelin veranstalteten eine Modeschau.

Es war eine ziemlich mondäne Angelegenheit: wunderschöne Models, teilweise kaum bekleidet, dafür mit umso mehr Pelzen und Schmuck behängt.

Wir spielten dazu, und Magdalena saß allein an der Bar.

Dann erschien Farah Diba.

Sie blieb an der Bar stehen und sprach Magdalena an. Ich sass hinter meinem Schlagzeug und beobachtete die beiden. Sie unterhielten sich auf Französisch, zunächst nur kurz, dann immer länger.

Ich konnte natürlich nicht einfach aufstehen und hinübergehen. Ich musste spielen.

Irgendwann geschah etwas, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte:

Magdalena ging mit Farah Diba von der Bar weg – und wenig später sass sie mit ihr zusammen am Tisch des Schahs.

Dort blieb sie den ganzen Abend.

Ich sass hinter den Drums und konnte nur zuschauen.

Für Magdalena schien das alles vollkommen selbstverständlich zu sein.

Sie war nicht plötzlich eine andere, nur weil sie neben der Kaiserin von Persien saß.

Vielleicht war gerade das der Grund, weshalb Farah sie mochte.

Die beiden verstanden sich jedenfalls ausgezeichnet.

Für mich war die Situation etwas schwieriger.

Ich musste schließlich arbeiten und konnte schlecht während eines Stücks zu José sagen: Entschuldigen Sie, ich möchte kurz nachsehen, was meine Freundin am Tisch des Schahs macht.

Also blieb ich dort, wo ich hingehörte, und spielte Schlagzeug.

Diese Begegnung sollte allerdings Folgen haben. Farah wollte Magdalena wiedersehen.

Das war grundsätzlich kein Problem – nur wurde unser Leben kurze Zeit später erheblich komplizierter.

In dieser Zeit kam es zu einem Ereignis, das mein Leben für kurze Zeit völlig aus der Bahn warf. Ich musste ins Krankenhaus, und José brauchte plötzlich einen Ersatzschlagzeuger.

Was damals wirklich geschehen war, gehört allerdings zu einer anderen Geschichte.

Der Schah bemerkte natürlich, dass plötzlich ein anderer Drummer hinter dem Schlagzeug sass.

Und als ich später ins Suvretta zurückkehrte, sollte sich zeigen, dass auch er von meiner Geschichte mehr mitbekommen hatte, als ich zunächst wusste.

Eine Woche später stand ich mit dem Schah gemeinsam im Lift.

Solche Situationen waren im Suvretta möglich:

Man spielte abends für jemanden, und am nächsten Tag stand man mit ihm im Aufzug.

Er erzählte mir, Farah sei zurzeit in Paris. Wenn sie wiederkomme, würde sie Magdalena gerne sehen und ihr ein Geschenk machen.

Was der Schah nicht wusste: Magdalena hatte inzwischen Hausverbot.

Das ist allerdings eine andere Geschichte, und die müssen wir noch erzählen.

Dann sagte er, auch er wolle mir ein Geschenk machen. Ich solle doch zu Gübelin gehen – der Juwelier war im Haus vertreten – und mir eine schöne Uhr aussuchen.

Nun hätte ich natürlich ausprobieren können, wie grosszügig der Schah von Persien tatsächlich war. Das tat ich nicht.

Ich wollte nicht unverschämt sein und suchte mir eine Piaget aus, eine ovale Uhr, wie sie damals modern war.

Damit hätte auch diese Geschichte zu Ende sein können.

War sie aber nicht.

Fünf Jahre später blieb die Piaget stehen und ich konnte sie nicht mehr zum laufen bringen.

Ich brachte sie zu Gübelin in Basel und hatte dort zunächst nicht den Eindruck, dass man sich besonders über mich freute.

Man erklärte mir, Piaget führe man nicht mehr. Die Uhr müsse wahrscheinlich eingeschickt werden, das könne sechs Monate dauern und teuer werde es vermutlich auch.

Na gut. Ich liess die Uhr dort und dachte mir: Dann kaufe ich eben eine andere. Aber sicher nicht bei Gübelin.

Am selben Abend gegen acht Uhr klingelte bei mir zu Hause das Telefon.

Am Apparat war Herr Gübelin persönlich, nach meiner Erinnerung damals bereits ungefähr achtzig Jahre alt.

Er rief aus Zürich an und erklärte mir, es sei ein schreckliches Missgeschick passiert.

Zwei seiner besten Herren seien bereits unterwegs zu mir nach Basel, um die Angelegenheit zu lösen.

Und tatsächlich: Wenig später standen zwei Herren bei mir zu Hause – mit einer ganzen Uhrenkollektion.

Meine Piaget sei nicht mehr zu reparieren, erklärten sie. Ich solle mir deshalb eine andere Uhr aussuchen.

Das tat ich – und diesmal stellte ich keine weiteren Fragen.

Manchmal legt einem der Schah beim Drumsolo die Hände auf die Schultern. Manchmal sitzt die eigene Freundin plötzlich neben Farah Diba.

Und manchmal klingelt fünf Jahre später abends das Telefon, und der alte Herr

Gübelin schickt zwei Männer mit einem Koffer voller Uhren nach Basel.

Und so hat das Orchester José Marka damals geklungen:

Click Link: Playlist José Marka

und Musik im Suvretta House:

10

Vier Wochen Persien – leider nein

Während unserer Zeit im Suvretta House plante der Schah von Persien in Persepolis ein gigantisches Fest.

Zwischen den berühmten Ruinen entstand eine große Zeltstadt, in der Gäste aus aller Welt empfangen und bewirtet werden sollten.

Offenbar wollte der Schah dabei auf Personal zurückgreifen, das er aus dem Suvretta kannte und dem er vertraute.

Nach meiner Erinnerung sollte praktisch die ganze Mannschaft mit: die Barmänner, darunter der legendäre Mario, die Kellner, die Köche und sogar die Hausmädchen.

Das Suvretta sollte gewissermassen für einige Zeit von St. Moritz nach Persien verpflanzt werden.

Und dann kam die Anfrage auch an uns.

Das ganze Orchester sollte für vier Wochen nach Persien fliegen. Alles inklusive und dazu eine Gage, die für unsere damaligen Verhältnisse astronomisch war.

Natürlich reizte uns das. Vier Wochen Persien, Persepolis, ein solches Fest und dafür auch noch fürstlich bezahlt – welcher junge Musiker hätte da nicht gerne zugesagt?

Nur gab es ein Problem: Wir waren in die Organisation von Hazy Osterwald eingebunden.

Unsere Engagements waren geplant, die nächsten Häuser warteten auf uns, und wir konnten nicht einfach für vier Wochen verschwinden – auch nicht für den Schah von Persien.

Also sagten wir ab.

Heute klingt das fast absurd. Der Schah von Persien lädt ein, bietet eine astronomische Gage, alles wird bezahlt – und wir antworten sinngemäss:

Tut uns leid. Wir haben schon ein Engagement.

Damals war das eben so. Ein Vertrag war ein Vertrag.

Was aus diesen prunkvollen Feierlichkeiten und ihrer politischen Bedeutung später gemacht wurde, gehört eigentlich nicht in meine Geschichte.

Ich wusste davon damals nichts. Für mich blieb vor allem eine Erinnerung:

Vier Wochen Persien. Alles bezahlt. Eine astronomische Gage.

Und wir konnten nicht hin. Wir mussten arbeiten.

11

Magdalena und der andere Mann

Es hatte schon früher Risse in unserer Beziehung gegeben.

Einer davon begann in München.

Ich war dort bei einem Engagement, als Magdalena mich anrief. Es sei etwas Schlimmes passiert, sagte sie.

Sie weinte fürchterlich und erzählte mir, dass sie mit einem anderen Mann zusammen gewesen sei.

Es tue ihr leid, sehr leid sogar. Besonders verletzt hatte mich, dass zwischen den beiden Dinge geschehen waren, die in meinem damaligen Verständnis nur zu uns gehörten.

Für mich brach in diesem Moment eine Welt zusammen.

Ich überlegte nicht lange.

Um Mitternacht setzte ich mich ins Auto und fuhr von München nach Rheinfelden.

Ich wollte zu Magdalena, mit ihr reden, sie sehen und irgendwie wieder in Ordnung bringen, was gerade auseinanderzufallen drohte.

Als ich dort ankam, war sie nicht zu Hause.

Erst gegen fünf Uhr morgens erschien sie. Und dann erfuhr ich, dass sie wieder bei diesem Mann gewesen war.

Wir redeten lange. Es flossen viele Tränen, auf beiden Seiten.

Viel Zeit blieb mir trotzdem nicht, denn ich musste weiter, wieder zurück in den Bayrischen Hof in München. Das war das Leben eines Berufsmusikers: Auch wenn privat gerade alles zusammenbrach, wartete mein Orchester.

Schon zwei Tage später kam ein Brief von Magdalena. Sie schrieb mir, dass sie nun doch wieder zu diesem Mann gegangen sei.

Gleichzeitig wusste sie offenbar selbst schon, dass sie es wieder bereuen würde.

Da machte ich zum ersten Mal Schluss.

Wie wir ungefähr drei Monate später wieder zusammenfanden, weiss ich heute nicht mehr. Ich könnte für dieses Buch eine schöne Versöhnungsszene erfinden, aber sie wäre eben erfunden. Tatsache ist: Wir waren wieder zusammen. Und ähnliche Geschichten sollten sich noch einige Male wiederholen.

Aus dem fünfzehnjährigen Mädchen mit den Kniestrümpfen war inzwischen eine junge, lebenslustige Frau geworden. Das musste ich erst lernen.

Etwa ein Jahr später spielte ich mit José Marka im Suvretta House in St. Moritz.

Magdalena war diesmal in Rheinfelden geblieben. Wieder kam ein Brief. Und wieder schrieb sie von anderen Männern, diesmal in einer Offenheit, die mich völlig aus der Bahn warf.

Was genau in mir vorging, kann ich heute nicht mehr rekonstruieren. Ich weiss nur, dass ich verzweifelt war und glaubte, nicht mehr weiterleben zu können.

Ich besorgte mir in einer Apotheke in St. Moritz ein Medikament und nahm eine Überdosis.

Der Apotheker war offenbar misstrauisch geworden und handelte verantwortungsvoll. Er verständigte den Direktor des Suvretta House.

Dieser suchte zusammen mit José Marka nach mir, und sie fanden mich bewusstlos in meinem Zimmer.

Damit stand mein Leben plötzlich auf der Kippe und lag nicht mehr in meinen Händen.

Man brachte mich nicht ins Spital von St. Moritz, sondern nach Landquart. Ich wurde dort gewissermassen versteckt, damit niemand wusste, wo ich lag.

Zehn Tage blieb ich im Krankenhaus. Für das Orchester musste unterdessen schnell ein Ersatz gefunden werden, und ein anderer Schlagzeuger wurde aus Zürich eingeflogen und landete auf dem Flugfeld in Samedan.

Für mich war es der absolute Tiefpunkt meines Lebens.

Als Magdalena erfuhr, was passiert war, setzte sie sich sofort in den Zug und kam nach St. Moritz. Das gehört genauso zu dieser Geschichte wie alles andere. Sie war die Frau, deren Brief mich in meiner damaligen Verfassung so tief getroffen hatte – aber als sie von meinem Zusammenbruch erfuhr, wollte sie sofort zu mir.

Sie kam allerdings nicht weit.

José fing sie am Bahnhof in St. Moritz ab. Ich lag in Landquart, und offenbar wollte man mich zunächst von allem fernhalten, was mich wieder aufwühlen konnte.

José schickte Magdalena postwendend zurück nach Hause.

Im Suvretta war meine Abwesenheit natürlich ebenfalls aufgefallen. Der Schah von Persien hatte oft genug vor unserem Orchester gesessen, um zu bemerken, dass plötzlich ein anderer Mann hinter dem Schlagzeug sass.

Er erkundigte sich nach mir und erfuhr schliesslich auch, dass ich keine Krankenversicherung hatte.

Ich hatte eine solche damals schlicht nicht für nötig gehalten.

Der Schah übernahm die Kosten. Er bezahlte meine Behandlung und auch die Kosten, die durch den Ersatzschlagzeuger entstanden waren.

Ich hatte ihn nicht darum gebeten. Es geschah einfach.

Der Direktor des Suvretta zog aus der ganzen Geschichte ebenfalls seine Konsequenzen: Magdalena bekam Hausverbot.

Zwei Wochen später sah meine Welt schon wieder erstaunlich anders aus. Ich hatte mich gut erholt und war zurück in St. Moritz.

Ich machte lange Spaziergänge mit einer persischen Verkäuferin, die bei Gübelin arbeitete, und eine amerikanische Millionärstochter beschloss, mir auf dem Eisfeld hinter dem Hotel das Schlittschuhlaufen beizubringen.

Das Ergebnis war vermutlich unterhaltsamer als elegant.

Ich konnte Ski fahren, ich konnte Schlagzeug spielen, aber auf Schlittschuhen bewegte ich mich zunächst ziemlich stümperhaft.

Das störte uns nicht. Wir hatten unseren Spass, ich versuchte auf den Beinen zu bleiben und wir lachten viel.

Was ich nicht wusste: Magdalena war wieder nach St. Moritz gekommen.

Wegen ihres Hausverbots konnte sie nicht einfach ins Suvretta House spazieren. Also beobachtete sie mich aus einiger Entfernung.

Sie sah mich auf dem Eis mit dieser jungen Amerikanerin herumkurven – oder eher herumwackeln – und hörte mein Lachen.

Zwei Wochen zuvor war sie nach St. Moritz gereist und hatte mich nicht einmal sehen dürfen. Jetzt kam sie wieder und fand einen Bernhard vor, der offenbar schon wieder lachen konnte.

Später trafen wir uns im Dorf, die persische Verkäuferin an meiner Seite.

Wir hatten zu dritt ein langes Gespräch und irgendwie waren wir wieder zusammen.

Wenn ich heute unsere alten Briefe sortiere, fällt mir etwas auf, das ich früher gar nicht so deutlich gesehen habe:

Dieser Zusammenbruch lag ziemlich genau in der Mitte unserer gemeinsamen Zeit. Und danach veränderte sich mein Ton.

Die Briefe davor waren emotional. Ich bat, erklärte und flehte wohl manchmal auch.

Danach erklingt ein anderer Bernhard. Meine Briefe wurden nüchterner und gelegentlich sogar zynisch. „Du Treulose“, schrieb ich einmal. Ein anderes Mal nur noch sinngemäss: „Im Frühling sehen wir dann weiter.“

Das klingt nicht nach einem Mann, dessen Welt bei jeder neuen Geschichte wieder zusammenbrach.

Offenbar hatte sich etwas in mir gelöst. Vielleicht hatte ich gelernt, mich zu schützen.

Und wenn ich ehrlich bin, hatte ich inzwischen auch meine eigenen Möglichkeiten gefunden, mich zu trösten. Sehr intensiv sogar.

Magdalena und ich blieben trotzdem noch etwa vier Jahre zusammen, auch über das Ende meiner Zeit als Berufsmusiker hinaus.

Irgendwann nahm ich mir eine eigene Wohnung. Unsere Geschichte war also mit St. Moritz keineswegs vorbei.

Aber sie war danach eine andere.

Der Zusammenbruch in St. Moritz war real. Er war mein tiefster Punkt, und ohne das Eingreifen anderer Menschen wäre meine Geschichte vielleicht dort zu Ende gewesen.

Aber sie ging weiter.

Zwei Wochen später stand ich auf einem Eisfeld hinter dem Suvretta, konnte kaum Schlittschuh laufen und lachte.

Und irgendwo in der Ferne stand Magdalena und hörte mir dabei zu.

Love Song für Magdalena:

Click Link: https://youtu.be/TyIensaR-R4

12

Sechs Mann im Palace

Mit dem Orchester Piero Pieri kam für mich der nächste wichtige Schritt. Wir waren sechs Mann, ein eingespieltes Orchester, und mit Piero kam ich in Häuser, die damals zu den ersten Adressen der Schweiz gehörten.

Eines davon war das Palace Hotel in Gstaad.

Wenn ich heute Gstaad sage, denkt man an Prominenz, Geld und internationale Gesellschaft. Damals war das nicht anders. Nur sass ich mittendrin – hinter dem Schlagzeug.

In der Bar, in der wir spielten, verkehrten Bundesräte, französische Industrielle, Geschäftsleute und internationale Gäste.

Ich erinnere mich zum Beispiel an Bundesrat Gnägi und Marcel Dassault. Ob dort tatsächlich über den Mirage-Flugzeugdeal gesprochen wurde, weiß ich natürlich nicht. Aber die Vorstellung hat durchaus in diese Welt gepasst und war naheliegend.

Wir Musiker bekamen ohnehin vieles mit. Man sass schließlich jeden Abend am selben Ort und beobachtete die Leute – und die Leute beobachteten uns.

Auch einige der besten Tennisspieler der Welt waren da: Ilie Năstase, Roy Emerson und Ken Rosewall. Wenn ich mich richtig erinnere, auch Rod Laver.

Am nächsten Morgen mussten diese Herren teilweise vor Tausenden Zuschauern Tennis spielen. Das hinderte sie am Abend vorher nicht unbedingt daran, im Palace etwas zu trinken – eine zutreffendere Bezeichnung aber wäre „bechern“.

Allerdings achteten sie sehr darauf, dass es gerecht zuging. Wenn schon getrunken wurde, dann sollte bitte keiner weniger trinken als der andere. Man wollte am nächsten Morgen schließlich unter vergleichbaren Bedingungen antreten.

Fair Play auf eine etwas besondere Art.

Bei den Gästen im Palace sass der Geldbeutel ziemlich locker. Das merkten auch wir Musiker, denn immer wieder wurde uns eine Runde spendiert. Whisky-Cola war beliebt.

Nur gab es ein Problem.

Bei Piero Pieri herrschte für die Musiker ein ziemlich striktes Alkoholverbot, und das hatte durchaus seinen Grund. Wir spielten jeden Abend zusammen und waren derart eingespielt, dass Piero die kleinste Unregelmässigkeit sofort bemerkt hätte.

Also tranken wir nicht. Zumindest nicht wirklich.

Mit dem Personal hatten wir eine kleine Vereinbarung:

Wenn ein Gast uns eine Runde Whisky-Cola spendierte, nahmen wir selbstverständlich dankend an. Nur war in unserem Whisky-Cola kein Whisky. Cola genügte vollkommen.

Den entsprechenden Erlös teilten wir uns.

So waren alle zufrieden: Der Gast hatte den Musikern eine Runde spendiert, Piero hatte ein nüchternes Orchester, und wir hatten etwas zusätzlich verdient.

Man musste als Berufsmusiker praktisch denken.

Wobei ausgerechnet Piero selbst mit seinem Alkoholverbot gelegentlich etwas grosszügiger umging. Er entfernte sich manchmal von der Band, setzte sich zu Gästen an den Tisch und trank dort durchaus etwas mit.

Wir bemerkten das natürlich. Aber Piero war der Chef.

Und mit dem Chef waren wir nicht per Du. Wir waren per Sie.

Das sagt vielleicht mehr über die damalige Zeit aus als eine lange Erklärung. Eine Band war keine Gruppe von sechs Kumpels, die zufällig gemeinsam Musik machte. Es gab eine Hierarchie. Der Chef entschied, wir spielten – und solange alles funktionierte, war die Welt in Ordnung.

Eines Abends erschien ein Gast mit zwei umwerfend schönen jungen Damen. Er kam zu uns und fragte:

„Spielt ihr Yellow Bird?“

Yellow Bird war eine hawaiianische Schnulze.

Wir sahen uns an.

Eigentlich kannten wir das Stück nicht richtig. Der ältere, erfahrene Gitarrist konnte sich schwach daran erinnern, und ich kannte immerhin die Melodie, was mir am Schlagzeug nicht wahnsinnig viel nützte.

Normalerweise hätte man vielleicht gesagt: Tut uns leid, haben wir nicht im Repertoire.

Aber dann wedelte der Mann mit einer 500-Franken-Note.

Plötzlich verbesserte sich unser musikalisches Gedächtnis erheblich.

Wir steckten kurz die Köpfe zusammen. Der Gitarrist wusste ungefähr, wo es langging, die anderen fanden die Harmonien, und ich dachte mir: Wenn die Herren wissen, was sie spielen, werde ich wohl herausfinden, wo der Takt ist.

Los ging’s. Es war grauenhaft, aber erkennbar.

Der Gast war begeistert, und die 500-Franken-Note kam tatsächlich geflogen.

Etwa eine Stunde später dachten wir, eigentlich sei dieses Yellow Bird gar nicht so schlecht. Man könnte es ja noch einmal versuchen. Natürlich rein aus musikalischem Interesse.

Wir spielten es ein zweites Mal. Wieder 500 Franken.

Jetzt gefiel uns das Stück schon wesentlich besser.

Einige Tage später erschien unser Wohltäter wieder. Ob mit denselben beiden Damen, weiss ich nicht mehr. Aber das war auch nicht entscheidend. Wir sahen ihn, er sah uns – und wir wussten, was zu tun war: Yellow Bird.

Wieder kam die 500-Franken-Note. Langsam gehörte das Stück zu unseren finanziell erfolgreichsten Nummern. Wir wollten es allerdings nicht übertreiben.

Man musste einen guten Kunden schließlich pflegen.

Zwei Tage später kam er wieder.

Diesmal allerdings nicht mit zwei jungen Frauen. Neben ihm sass eine nette ältere Dame.

Wir machten uns darüber keine Gedanken. Der Mann war da, wir waren da, und inzwischen hatten wir Yellow Bird sogar einigermaßen im Griff.

Also stimmten wir frohgemut unsere hawaiianische Erfolgsmelodie an und schauten erwartungsvoll zu unserem Gönner hinüber.

Nur flog diesmal keine 500-Franken-Note.

Stattdessen entstand am Tisch plötzlich ziemliche Unruhe. Dann noch mehr Unruhe – und schliesslich eine Schlägerei.

Die Dame prügelte auf unseren grosszügigen Gast ein, und der Mann verliess fluchtartig die Bar.

Wir verstanden überhaupt nichts.

Später erklärte uns der Barkeeper, was passiert war.

Die nette ältere Dame war seine Frau.

Der Mann hatte ihr offenbar erzählt, er sei erst an diesem Tag im Hotel angekommen.

Leider hatte seine Frau bei unserem Yellow Bird sofort begriffen, dass da etwas nicht stimmen konnte. Vielleicht kannte sie seine musikalischen Vorlieben.

Wahrscheinlicher ist, dass sie ihren Mann kannte.

Jedenfalls war unser gut gemeinter musikalischer Willkommensgruss für ihn gründlich nach hinten losgegangen.

Danach gingen wir mit Yellow Bird etwas vorsichtiger um.

500 Franken waren schließlich 500 Franken.

Aber eine Ehe wollten wir damit nicht unbedingt zerstören.

Wir waren Musiker. Keine Detektive.

Und so hat das Orchester Piero Pieri damals geklungen:

Click Link:

Playlist Piero Pieri



Palace Hotel Gstaad – 1969

13

Eine rote Rose von Josephine Baker

Im Palace in Gstaad gehörten Galas zum Betrieb. Für uns bedeutete das gelegentlich sogar einen freien Abend, denn manche grossen Künstler brachten ihre eigene Begleitband mit.

So war es auch, als Josephine Baker angekündigt wurde.

Josephine Baker war längst eine Legende. Das berühmte „Bananenmädchen“ der zwanziger Jahre war inzwischen eine elegante Dame geworden, die sich stark für Kinder engagierte und bei solchen Veranstaltungen auch für ihre Anliegen Geld sammelte.

Für mich war an diesem Tag allerdings etwas ganz anderes wichtig: Ich hatte frei.

Zumindest dachte ich das.

Josephine Baker war schon einige Tage im Hotel und hatte unser Orchester gehört. Am Tag ihrer Gala fand der Soundcheck statt, doch ihr Schlagzeuger war nicht da. Er war irgendwo in Frankreich steckengeblieben. Wo genau und weshalb, weiß ich nicht mehr.

Jedenfalls gab es im Palace eine Sängerin, eine Band – und keinen Drummer.

Also fragte sie mich, ob ich beim Soundcheck einspringen könne.

Ich sagte zu, allerdings mit etwas Bammel.

Ein richtiger Soundcheck zum gemeinsamen Proben war das nämlich nicht.

Es ging hauptsächlich darum festzustellen, ob technisch alles funktionierte, und wegen der anderen Hotelgäste musste die Sache kurz gehalten werden. Viel Zeit, um sich aufeinander einzustellen, gab es nicht.

Dann legten wir los.

Und zu meiner Überraschung war es überhaupt kein Problem. Diese Art von Musik hatte ich drauf. Ich hörte zu, spielte mit, und alles funktionierte.

Am Abend war ihr Schlagzeuger immer noch nicht da.

Also spielte ich die Gala.

Ich kann mich heute nicht mehr an jedes Stück erinnern, das wir gespielt haben.

Dafür ist mir etwas anderes geblieben, das ich selbst fast vergessen hatte und an das mich später unser Saxophonist erinnerte:

Am Ende des Konzerts bedankte sich Josephine Baker beim Publikum – und dann erwähnte sie mich namentlich. Sie dankte „Monsieur Bernard“ für die spontane Hilfe und überreichte mir eine rote Rose.

Ob ich dabei rot geworden bin, weiss ich nicht mehr. Möglich wäre es.

Damit hätte die Geschichte eigentlich enden können.

Ich hatte einer berühmten Sängerin aus der Patsche geholfen, die Gala war gut gegangen, ich hatte eine Rose bekommen und am nächsten Abend würde ich wieder ganz normal mit Piero Pieri hinter meinem Schlagzeug sitzen.

Josephine Baker hatte allerdings andere Pläne.

Nach dem Konzert erklärte sie mir ziemlich bestimmt, dass ich nun ihr Schlagzeuger sei.

Ihr bisheriger Drummer sei unzuverlässig, den habe sie rausgeschmissen.

Ich solle meine Sachen packen – husch, husch – am nächsten Tag gehe es nach Berlin.

Das war natürlich ein Angebot, bei dem ein junger Schlagzeuger zunächst einmal schluckt. Josephine Baker! Berlin!

Weiterreisen mit einem Weltstar!

Nur musste ich auch ein bisschen rechnen.

Bei Piero Pieri hatte ich sechs Monate Arbeit am Stück. Ohne einen einzigen freien Tag, wenn nicht gerade eine Gala wie diese dazwischenkam. Das war für einen Berufsmusiker eine enorme Sicherheit. Bei Josephine Baker wusste ich überhaupt nicht, was daraus werden würde. Vielleicht ein paar Galas, vielleicht mehr, vielleicht war nach kurzer Zeit schon wieder Schluss.

Und ausserdem muss ich etwas gestehen:

Ihre Musik war gar nicht besonders mein Geschmack.

Also sagte ich:

„Sorry, Madame. Das kann ich nicht machen. Ich kann mein Orchester nicht einfach verlassen.“

Und blieb bei Piero Pieri.

Heute könnte man daraus natürlich eine wunderbare Geschichte vom jungen Schweizer Schlagzeuger machen, der die große Karriere an der Seite von Josephine Baker ausschlug. So war es aber nicht. Ich glaubte keineswegs, gerade auf eine Weltkarriere zu verzichten. Ich hatte einen guten, sicheren Job in einem ausgezeichneten Orchester und wollte ihn behalten.

Am nächsten Abend sass ich deshalb wieder dort, wo ich hingehörte: hinter meinem Schlagzeug bei Piero Pieri.

Die Rose hatte ich natürlich angenommen.

14

Ein Ludwig musste her

Als in den sechziger Jahren die Beatwelle über Europa hereinbrach, schossen die Beat Bands wie Pilze aus dem Boden.

Rock Bands sagte man damals noch nicht.

Und wer Schlagzeug spielte, schaute natürlich ganz besonders auf den Mann, der bei den Beatles hinter den Drums sass: Ringo Starr.

Ringo spielte Ludwig.

Das konnte jeder sehen, denn auf seiner Bass Drum prangte unübersehbar der grosse Ludwig-Schriftzug.

Für uns Schlagzeuger war das mehr als nur ein Markenname. Ludwig war die Krönung. Rogers spielte damals noch in derselben Liga, aber für mich war klar: So ein Ludwig musste her, koste es, was es wolle.

Und es kostete.

Ich habe meine alten Kataloge aus dieser Zeit noch. 1966 kostete ein Ludwig-Schlagzeug ungefähr 1’000 Dollar. Der Dollar stand damals bei etwa 4.70 Franken. Damit kostete das Drumset rund 4’700 Franken.

Diese Zahl sagt einem heute zunächst nicht viel. Interessant wird sie erst, wenn man sie mit den damaligen Löhnen vergleicht. Als junger kaufmännischer Angestellter hätte ich ungefähr 800 Franken im Monat verdient. Ein Ludwig-Schlagzeug kostete also fünf volle Monatslöhne.

Bei einem heutigen Anfangslohn von ungefähr 5’000 Franken entspräche das, nur über die Monatslöhne gerechnet, einer Anschaffung von rund 25’000 Franken.

Heute kostet ein Ludwig-Set nominell ungefähr 1’500 Dollar. Nur sind 1’500 Dollar heute etwas völlig anderes als 1’000 Dollar im Jahr 1966, nämlich nur Fr. 900.00.

Wenn ich deshalb höre, wie teuer Musikinstrumente heute seien, muss ich manchmal etwas schmunzeln.

Für uns war ein amerikanisches Profischlagzeug damals wirklich ein Luxusgegenstand.

Ähnlich war es mit amerikanischen Autos und Motorrädern. Eine Harley-Davidson oder ein amerikanischer Strassenkreuzer hatte in Europa auch deshalb einen solchen Nimbus, weil diese Dinge für die meisten Menschen kaum erschwinglich waren. Amerika war weit weg, der Dollar teuer, und was von dort kam, hatte automatisch etwas Besonderes.

Für mich gab es allerdings noch eine andere Rechnung. Als Berufsmusiker in einem Spitzenorchester verdiente ich sehr gut. Meine Gage lag bei ungefähr 120 Franken am Tag. Da wir praktisch jeden Tag spielten, kam ich auf rund 3’600 Franken im Monat. Das war mehr als viermal so viel wie die ungefähr 800 Franken, die ich in meinem erlernten kaufmännischen Beruf verdient hätte.

Und selbst dieser Vergleich erzählt noch nicht die ganze Geschichte.

Mein Hotelzimmer war bei den Engagements meistens frei. Essen und Trinken waren oft ebenfalls inbegriffen. Von meiner Gage musste ich also längst nicht alle Kosten bestreiten, die ein normaler Angestellter von seinem Monatsgehalt bezahlen musste.

Finanziell war das Leben als Berufsmusiker für mich damals ausgesprochen attraktiv.

Trotzdem überlegte man sich die Anschaffung eines Ludwig sehr genau.

Für einen Berufsmusiker war ein erstklassiges Instrument schliesslich nicht nur etwas zum Angeben. Es war unser Arbeitsgerät. Wir spielten Abend für Abend, oft monatelang ohne einen freien Tag. Das Material musste funktionieren, gut klingen und diese Belastung aushalten.

Natürlich wusste auch jeder Schlagzeuger, welche Marke der Kollege spielte. Ein Ludwig vor sich stehen zu haben, hatte schon etwas.

Und falls jemand glaubte, er könne einfach einen grossen Ludwig-Aufkleber auf eine billige Bass-Drum kleben und damit denselben Eindruck erzielen, hatte er sich getäuscht.

Wir waren Musiker. Wir sahen das sofort.

Mein geliebtes Ludwig besitze ich heute noch – 60 Jahre später – gehegt und gepflegt wie neu.

Mein Ludwig Drumset 1968

 

Mein Ludwig Drumset 2026

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Wie wir arbeiteten

Als Tanzorchester und Showband war es für uns wichtig, immer aktuell zu bleiben.

José Marka studierte täglich die Hitparade. Es war unser ganzer Stolz, die neuesten Hits möglichst schnell ins Repertoire aufzunehmen.

Und wir spielten nicht einfach ungefähr die Melodie. Der Sound musste stimmen, das Feeling musste stimmen – das Stück sollte so klingen, wie die Leute es aus dem Radio kannten.

Also probten wir am Nachmittag. Manchmal gelang es uns tatsächlich, einen neuen Hit so schnell einzustudieren, dass wir ihn bereits am selben Abend auf der Bühne präsentieren konnten.

Mitten im Konzert schaute uns José dann an und sagte: „Wollen wir es wagen?“ – Yes, let’s go.

Das erhöhte die Spannung erheblich in unserer ansonsten natürlich sehr eingeschliffenen Routine. Keiner wusste hundertprozentig, ob alles funktionieren würde. Aber meistens funktionierte es.

Selbstverständlich spielten wir auch viele französische Chansons. Das war eine Spezialität von José, und damit hoben wir uns deutlich von der Konkurrenz ab.

Eine Unsitte, die viele Amateurmusiker pflegten, galt es bei uns unbedingt zu vermeiden: Notenblätter und Notenständer auf der Bühne. Ein absolutes No-Go. Also musste alles sofort auswendig gelernt werden. Wir waren schliesslich eine Showband. Und genauso wenig duldeten wir, dass jemand unser Orchester als „Kapelle“ bezeichnete.

Leider neigte sich die goldene Zeit der Tanzorchester langsam ihrem Ende zu. Immer mehr Diskotheken entstanden.

Gleichzeitig kamen grosse Orchester aus der damals besetzten Tschechoslowakei in die Schweiz, teilweise fast schon Familienbetriebe.

Ob die Ehefrau vielleicht nur eine Triangel schlug oder eine Rassel bediente, war nebensächlich: „Wir sind ein Zwölf-Mann-Orchester, machen guten billigen Preis und sind schön anzuschauen.“

Auch indonesische Gruppen kamen nach Europa – mit einem ähnlichen Rezept. Für die etablierten Tanzorchester wurde die Konkurrenz immer grösser.

Eine ganz andere Herausforderung war es, sich in den noblen Hotels wie dem Palace oder dem Suvretta House richtig zu bewegen. Waren wir dort eigentlich Angestellte oder Gäste?

Die richtige Antwort lautet: beides.

Das Essen, das wir bekamen, war dasselbe, das auch die Hotelgäste bestellen konnten. Serviert wurde es allerdings in der Angestelltenkantine – dort wiederum in jenem Bereich, in dem auch der Direktor mit seiner Gattin und der Chefportier ihre Mahlzeiten einnahmen.

Dann kam ein riesiges silbernes Tablett mit verschiedenen Tellern, jeder einzelne mit einer silbernen Haube abgedeckt.

Wir schauten unter jeden Deckel und suchten uns aus, worauf wir gerade Lust hatten.

Durch unsere völlig verschobenen Arbeitszeiten hatten wir allerdings manchmal überhaupt keinen Appetit. Selbstverständlich fanden die übrig gebliebenen Köstlichkeiten beim übrigen Personal reissenden Absatz.

Nach dem Konzert konnte das allerdings ganz anders aussehen.

Dann tauchten wir mitten in der Nacht in der riesigen, rund um die Uhr geöffneten Hotelküche auf und liessen es uns bei Wein und Steaks gut gehen – à discrétion.

Und dann waren wir plötzlich wieder Gäste.

Vom Hoteldirektor-Ehepaar war es sogar ausdrücklich erwünscht, dass wir uns gegen Abend in der Lobby zeigten, uns unter die Gäste mischten und ein wenig Small Talk betrieben. Wir gehörten gewissermassen zum gesellschaftlichen Leben des Hauses.

Unser Pianist, ein klassisch ausgebildetes Multitalent, setzte sich während der Apéro-Zeit manchmal ans Klavier und spielte als Barpianist.

So sah unsere Arbeit von aussen vielleicht nach einem angenehmen Leben aus: schöne Hotels, gutes Essen, elegante Gäste und jeden Abend Musik.

Aber dahinter steckte viel Arbeit. Jeden Nachmittag proben, neue Stücke lernen, alles auswendig spielen, den richtigen Sound treffen, abends mehrere Stunden auf der Bühne stehen – und am nächsten Tag begann das Ganze wieder von vorne.

Wir spielten nicht einfach Musik. Wir lebten davon. Und deshalb musste sie gut sein.

So toente das Orchester José Marka:

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Das Geistermotel

Eines Tages bekamen wir über unsere Agentur eine ungewöhnliche Offerte aus Liechtenstein: zwei Monate in einem Motel in Gamprin, sehr gut bezahlt.

Meine erste Reaktion war allerdings: Wo zum Teufel liegt Gamprin?

Noch merkwürdiger war die Auskunft der Agentur, wir müssten uns um überhaupt nichts kümmern, die Gage für das gesamte Engagement sei bereits hinterlegt. Das war völlig unüblich.

Aber wenn das Geld da war und der Vertrag stimmte, gab es für uns keinen Grund, lange nachzufragen.

Also fuhren wir nach Liechtenstein.

Das Motel machte einen ausgezeichneten Eindruck. Wir bauten unsere Anlage und die Instrumente auf, machten den Soundcheck und bezogen anschließend unsere Zimmer. Die waren wirklich schön, schon fast luxuriös. Auch aus der Küche kam ein ausgezeichnetes Nachtessen.

Eigentlich fehlte es uns an nichts.

Nur eines fiel uns auf: Es waren keine Gäste da.

Wir warteten auf den Beginn des Abends, aber es kam niemand.

Kein Auto fuhr vor, niemand setzte sich an die Bar, kein Paar wollte tanzen. Trotzdem begannen wir zur vereinbarten Zeit zu spielen.

In einem leeren Lokal.

Unser einziges Publikum war Marianne, die Bardame, die uns freundlich zuwinkte und sich unsere Verwunderung offenbar eine Weile amüsiert ansah.

Irgendwann rief sie uns zu sich an die Bar und erklärte, wir sollten erst einmal etwas trinken. Was immer wir wollten, gehe während der ganzen zwei Monate aufs Haus.

Nun wollten wir natürlich wissen, was hier eigentlich los war. Marianne klärte uns auf:

Das Motel gehörte einem Industriellen aus Winterthur, der offenbar sehr gerne feierte. In der Schweiz gab es damals noch die Polizeistunde, und um Mitternacht war Schluss. Das gefiel diesem Herrn überhaupt nicht. Er hatte dafür eine ebenso einfache wie kostspielige Lösung gefunden:

Er kaufte sich in Liechtenstein ein Motel.

Wenn ihm nach einer richtigen Feier zumute war, rückte er mit seiner ganzen Entourage an. Freunde, Bekannte und natürlich jede Menge Damen fielen dann über das menschenleere Haus her wie ein Heuschreckenschwarm.

Plötzlich war jeder Tisch besetzt, die Bar voll, wir spielten und die Gesellschaft feierte. Nicht bis Mitternacht, sondern manchmal bis acht Uhr morgens.

Danach kehrte wieder völlige Ruhe ein.

Es konnte durchaus eine Woche dauern, bis die nächste Gesellschaft auftauchte.

Das Personal war trotzdem da, die Küche funktionierte, Marianne stand hinter ihrer Bar und wir waren für zwei Monate engagiert und bezahlt. Wir hatten also ein ausgezeichnetes Orchester, ein luxuriöses Motel, eine feine Küche und eine gut bestückte Bar – nur meistens kein Publikum.

Für einen Berufsmusiker war das eigentlich kein schlechtes Engagement. Wenn unser Industrieller auftauchte, mussten wir allerdings wissen, was uns bevorstand. Dann wurde aus dem Geistermotel innerhalb kürzester Zeit ein Tollhaus, und an Schlaf war bis zum nächsten Morgen kaum zu denken. Anschließend hatten wir wieder genügend Zeit, uns davon zu erholen.

Allerdings wollten wir auch nicht zwei Monate lang in einem leeren Lokal sitzen und darauf warten, dass wieder einmal unser Heuschreckenschwarm aus Winterthur einfiel.

Also machten wir gute Miene zum bösen Spiel und nutzten die viele freie Zeit zum Proben. Und zwar ausgiebig.

Wir probierten neue Arrangements aus, arbeiteten an Stücken, für die im normalen Engagement kaum Zeit geblieben wäre, und bauten unser Repertoire kräftig aus. So entstanden ausgerechnet in diesem menschenleeren Motel viele Nummern, die wir später Abend für Abend vor vollem Haus spielten.

Rückblickend waren diese stillen Abende in Gamprin für das Orchester also alles andere als verlorene Zeit. Wir konnten in Ruhe arbeiten, ausprobieren und auch einmal etwas verwerfen, ohne dass hundert Gäste dabei zusahen. Niemand verlangte einen Musikwunsch, niemand wollte tanzen, niemand störte uns.

Eines Abends brachte unser Gastgeber dann eine besondere Überraschung mit. Diesmal kam er nicht nur mit seinen Freunden und Damen, sondern mit dem kompletten Hazy Osterwald Sextett.

Die Musiker kannten wir natürlich, denn wir gehörten selbst zum großen Netzwerk der Hazy-Osterwald-Organisation. So wurde aus dem Geistermotel für eine Nacht ein großes Treffen unter Kollegen. Unter ihnen war auch Curt Prina.

Mehr muss ich über ihn an dieser Stelle noch nicht erzählen. Sein Name wird später noch einmal auftauchen.

Für den Moment genügte uns Gamprin: zwei Monate ausgezeichnet bezahlt, gutes Essen, schöne Zimmer, freie Getränke – und viel Zeit, um aus einem guten Orchester ein noch besseres zu machen.

Kein Applaus, aber Qualität.

17

Curt Prina und die 10’000 Franken

Curt Prina lernte ich im Geistermotel in Gamprin kennen.

Eines Abends war dort das Hazy Osterwald Sextett zu Gast. Deren Schlagzeuger John Ward war unpässlich, und so kam ich zu der Gelegenheit, für ihn einzuspringen und mit dem Sextett zu spielen.

Wir gehörten zwar alle zum großen Netzwerk der Hazy-Osterwald-Organisation, aber Curt kannte ich bis dahin nicht persönlich.

Das änderte sich an diesem Abend. Wobei sich Curts Aufmerksamkeit ziemlich schnell weniger auf mich als auf Magdalena richtete. Er war vom ersten Moment an völlig hingerissen von ihr. Das konnte niemand übersehen. Er umgarnte sie hartnäckig, eigentlich schon fast aufdringlich, obwohl Magdalena ihm keinerlei Anlass dazu gab.

Sie wollte nichts von ihm wissen.

Aus ihrer Sicht war er wohl ohnehin schon ein älterer Herr. Curt war über vierzig – und wenn man selbst jung ist, erscheint einem das bekanntlich beinahe uralt.

Damit hätte die Geschichte eigentlich beendet sein können. Das Hazy Osterwald Sextett reiste wieder ab, wir blieben in Gamprin und spielten weiter in unserem Geistermotel.

Doch ungefähr zwei Wochen später erschien Curt wieder.

Allein.

Er war tatsächlich extra nach Gamprin zurückgekommen, um Magdalena zu sehen. Nur war Magdalena diesmal gar nicht da.

Nun saßen also Curt und ich zusammen, und ich erklärte ihm, dass seine Chancen bei ihr vermutlich nicht besonders gut standen. Ich erzählte ihm auch einiges über unsere Beziehung und versuchte ihm klarzumachen, dass man Magdalena nicht einfach mit Hartnäckigkeit erobern konnte.

Curt ließ sich davon nicht beeindrucken.

Schließlich machte er mir einen Vorschlag, bei dem ich zunächst wohl nicht wusste, ob er einen Scherz machte oder es ernst meinte:

Wenn ich noch einmal ein Treffen mit Magdalena arrangieren würde, sagte er, und wenn sie ihn schließlich heiraten würde, dann bekäme ich von ihm 10’000 Franken.

Zehntausend Franken.

Das war damals sehr viel Geld.

Ich fand die ganze Vorstellung ziemlich absurd.

Dieser erfolgreiche Mann hatte es doch wirklich nicht nötig, einem anderen Mann Geld dafür anzubieten, dass er ihm eine Frau zuführte. Und vor allem gab es da noch eine Kleinigkeit, die in seinem Plan offenbar etwas zu kurz kam:

Magdalena hatte auch noch etwas dazu zu sagen.

Curt allerdings meinte es todernst.

Aus dem Geschäft wurde natürlich nichts. Unsere Wege trennten sich wieder, und ich dachte, damit sei die Geschichte endgültig erledigt.

Ein paar Monate später spielten wir in Velden am Wörthersee. Magdalena war gerade bei mir zu Besuch, als Curt Prina wieder auftauchte. Ganz privat. Offenbar hatte er sie noch immer nicht vergessen.

Diesmal gab es keine 10’000 Franken und keinen Heiratsantrag über mich als Vermittler. Curt übergab Magdalena lediglich eine Karte. Auf der Vorderseite war sein Bild, und darauf hatte er geschrieben:

„Für Magdalena – alles Liebe.“

Die Karte existiert noch heute.

Wenn ich sie anschaue, muss ich manchmal an diesen erfolgreichen Musiker denken, der sich Hals über Kopf in Magdalena verliebte, zweimal eigens wieder auftauchte und mir allen Ernstes 10’000 Franken dafür bieten wollte, dass ich ihm half, sie zu heiraten.

Ich habe das Geld nie bekommen.

Magdalena hat ihn nämlich nicht geheiratet.

18

Mein Triumph und die schwedische Luxussteuer

Eines unserer Engagements führte uns bis nach Göteborg. Ich mochte Schweden und Göteborg war eine schöne Stadt, aber schon die Anreise zeigte mir, dass ich in einer etwas anderen Welt angekommen war.

Ich fuhr damals einen Triumph TR4. Heute wäre das ein schöner Oldtimer, damals war es einfach mein Auto.

Auf dem Weg nach Schweden wurde der Triumph auf die Fähre von Dänemark verladen, und dort bemerkte ich schnell, dass die Überfahrt für einen Teil der Passagiere offenbar weniger dem Transport als vielmehr dem Feiern diente.

Der Alkohol floss jedenfalls reichlich.

Mein Eindruck war, dass Wein und Bier in Schweden damals entweder schwer erhältlich oder einfach sehr teuer waren.

Auf der Fähre dagegen gab es keine solchen Schwierigkeiten. Manche Schweden schienen deshalb nur nach Dänemark und wieder zurückzufahren um zu trinken, ohne überhaupt auszusteigen.

Hauptsache, die Fähre fuhr und die Gläser waren voll.

The beat goes on, yeah, yeah, yeah.

Mein Triumph überstand die lange Reise gut, aber in Göteborg bemerkte ich, dass mit dem Auspuff etwas nicht stimmte.

Also fuhr ich zu einer British-Leyland-Garage und hoffte vor allem, dass die Reparatur nicht allzu teuer werden würde.

Die genauen Beträge weiss ich nach all den Jahren nicht mehr, aber ungefähr war es so:

Die neue Auspuffanlage sollte 300 Kronen kosten. Das erschien mir ausgesprochen günstig, jedenfalls günstiger als in der Schweiz. Wenn wir schon dabei waren, konnte man eigentlich auch noch das Stoffdach ersetzen. Das Plastikfenster hinten war inzwischen ziemlich unansehnlich und beschlagen. Nochmals ungefähr 700 Kronen. Zusammen also 1000 Kronen.

Das lag gerade noch drin. Auftrag erteilt.

Zwei Tage später holte ich meinen Triumph ab.

Er stand da wie ein Schmuckstück. Das neue Dach sah wunderbar aus, und mit der neuen Auspuffanlage hatte der Motor wieder dieses angenehme, friedliche Grollen, das zu einem britischen Sportwagen gehörte.

Ich war begeistert.

Dann bekam ich die Rechnung: 3000 Kronen.

Ich dachte zunächst an einen Irrtum. Aus den vereinbarten 1000 Kronen waren plötzlich 3000 geworden.

Was um Himmels willen hatten die mit meinem Auto gemacht?

Die Erklärung folgte: In Schweden gab es damals eine Luxussteuer, und mein Triumph galt als Sportwagen und damit als Luxus.

Auf die Rechnung kamen – so jedenfalls meine Erinnerung – noch einmal 200 Prozent.

Da musste ich erst einmal leer schlucken.

Aber mein Triumph war repariert, das neue Dach war montiert und der Auspuff bereits darunter.

Viel Verhandlungsspielraum hatte ich nicht mehr.

Also bezahlte ich.

Das friedliche Grollen des Motors gefiel mir auf der Rückfahrt immer noch.

Nur nicht mehr ganz so gut wie vorher.

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Verbier – plötzlich stehen die Stars auf unserer Bühne

Verbier war eines jener längeren Engagements, wie sie für uns in den Ferienorten üblich waren.

Vier Monate spielten wir im Tara Club. Dieses Dancing gehörte José Marka und seinem Bruder. Wer sich unter diesem Namen eine kleine Bar irgendwo im Wallis vorstellt, liegt allerdings ziemlich falsch. Das Tara war ein grosses Dancing mit über 400 Plätzen und Abend für Abend voll besetzt.

Wir spielten als José Marka et son orchestre, wie es gross auf den damaligen Plakaten stand.

Auf einem dieser Plakate wurde übrigens fast ebenso prominent mit der Sicherheit des Lokals geworben: Établissement ignifugé – 3 sorties de secours. Feuerfest und drei Notausgänge. Man sollte sich im Tara also nicht nur gut, sondern ausdrücklich auch sicher amüsieren.

Der Winter meinte es in Verbier ziemlich ernst. Mein Auto verschwand zeitweise beinahe vollständig unter den Schneemassen. An Fahren war nicht mehr zu denken, also blieb mir nichts anderes übrig, als jeden Abend zu Fuß zur Arbeit zu gehen.

Ungefähr einen Kilometer führte der Weg steil hinunter zum Tara Club – und nach Feierabend mitten in der Nacht natürlich wieder denselben Kilometer hinauf.

Wenn man mehrere Stunden hinter dem Schlagzeug gesessen hatte, war dieser Aufstieg nicht unbedingt das, was man sich zum Abschluss eines Arbeitstages wünschte. Aber so war unser Leben.

Wir spielten dort, wo andere Ferien machten, und das bedeutete noch lange nicht, dass wir selbst Ferien hatten.

Tagsüber hatten wir dafür Zeit, und zu unserem damaligen Luxus gehörte ein kleiner Reisefernseher. Über Mittag verfolgten Magdalena und ich regelmäßig eine französische Fernsehserie.

Es ging um Pferde und Jockeys, dunkle Machenschaften und natürlich auch um flotte Stallburschen.

Zwei Monate lang gehörte diese Serie praktisch zu unserem Tagesablauf. Wir kannten die Gesichter der Schauspieler inzwischen bestens, auch wenn uns ihre Namen nicht unbedingt etwas sagten.

Eines Abends standen wir wie gewohnt im Tara-Club auf der Bühne, als ein junger Franzose angekündigt wurde und ein paar Chansons sang.

Ich schaute ihn an und dachte sofort: Den kenne ich doch.

Natürlich kannte ich ihn. Wir hatten ihn schließlich wochenlang jeden Mittag auf unserem kleinen Fernseher gesehen.

Es war der junge Hauptdarsteller aus unserer Serie: Gérard Depardieu.

Damals war er noch nicht der internationale Filmstar, der er später werden sollte. Für uns war er zunächst einfach der Mann aus dem Fernsehen, der plötzlich leibhaftig bei uns im Tara-Club auf der Bühne stand.

Das musste Magdalena natürlich sehen. Nur war Magdalena ausgerechnet an diesem Abend oben auf dem Berg.

Nun konnte ich schlecht Gérard Depardieu bitten, noch ein paar Stunden zu warten, bis sie irgendwann wieder herunterkam. Also wurde kurzerhand ein Gemeindearbeiter organisiert, der mit einem Ratrac losfuhr, um Magdalena vom Berg zu holen. Und offenbar konnte auch dieser Transport nicht ganz unauffällig stattfinden:

Wieder einmal kam Blaulicht ins Spiel.

Magdalena wurde also mit dem Ratrac vom verschneiten Berg heruntergebracht, weil unten im Tara Club jener junge Schauspieler wartete, den wir seit Wochen jeden Mittag auf unserem kleinen Fernseher gesehen hatten.

Aus der kurzen Begegnung wurde ein langer Abend. Nach unserem Auftritt sassen wir noch zusammen, redeten, tranken, und irgendwann war es sechs Uhr morgens.

Depardieu hatte dabei ziemlich schnell vor allem Augen für Magdalena. Das war nun wiederum nichts völlig Neues für mich.

Wo Magdalena auftauchte, kam so etwas gelegentlich vor.

In diesem Fall hatte die Sache allerdings eine eingebaute Sicherheitsvorrichtung: Gérard sprach nur Französisch, Magdalena nur Deutsch und wenig Franzoesisch..

Und ich war der Übersetzer.

So geriet wenigstens nichts ausser Kontrolle.

Gérard Depardieu war nicht der einzige prominente Franzose, der während unserer Zeit in Verbier plötzlich Teil unseres Alltags wurde.

Ein anderer war damals längst ein Weltstar: Gilbert Bécaud. José Marka war mit ihm befreundet, und wir hatten viele seiner Stücke in unserem Repertoire.

Das bekannte Chanson „Nathalie“ gehörte natürlich dazu. Für uns war das praktisch, denn wenn Gilbert im Tara auftauchte und Lust bekam zu singen, musste niemand zuerst Noten suchen oder lange proben. Wir kannten seine Stücke.

So konnte es passieren, dass Gilbert Bécaud mit Magdalena an einem Tisch sass, irgendwann aufstand, zu uns auf die Bühne kam, sich ein Mikrofon nahm und ein paar seiner eigenen Lieder sang.

Wir begleiteten ihn, als wäre es das Normalste der Welt.

Für das Publikum war es natürlich etwas Besonderes, aber auch für uns Musiker waren solche Abende schön. Ein Weltstar kam nicht für einen offiziellen Auftritt mit grossem Tamtam, sondern als Freund vorbei und sang einfach ein paar Nummern mit unserem Orchester.

Unter unseren Gästen im Tara gab es auch einen amerikanischen Stammgast. Er kam regelmäßig, mochte unsere Musik und war offenbar sehr zufrieden mit dem, was wir spielten. Nur von französischen Chansonniers hatte er offensichtlich keine große Ahnung.

Eines Abends hatte Gilbert Bécaud wieder einige seiner Lieder mit uns gesungen. In der Pause kam der Amerikaner zu mir. Er war sichtlich beeindruckt von unserem Gast und wollte mir unbedingt ein Kompliment machen.

„Schon toll“, sagte er anerkennend, „wie dieser Mann die Songs von José Marka singen kann.“

Ich habe ihn nicht aufgeklärt, dass die Sache eigentlich genau umgekehrt war.

Chris Taramarquaz – Gilbert Bécaud

Mein Triumph TR4A IRS – im Schnee versunken

20

Mitten auf der Adria wird es italienisch

Wir spielten in Jugoslawien und mussten von Zadar weiter nach Italien. Bologna rief. Also nahmen wir die Autofähre von Zadar nach Ancona und staunten nicht schlecht, als wir an Bord kamen. Das Schiff kannten wir doch.

Es war tatsächlich dasselbe Schiff, das zwischen Dänemark und Schweden verkehrt hatte. Jedenfalls war noch alles auf Schwedisch oder Dänisch angeschrieben. Offenbar hatte die Fähre im hohen Norden ausgedient und war an der Adria zu einem zweiten Leben gekommen.

Die Überfahrt dauerte mehrere Stunden, und gegen Mittag meldete sich der Hunger. An Bord gab es ein großes Restaurant, das offensichtlich auf Gäste wartete. Weisse Tischtücher, viele Kellner und Kellnerinnen, alle schwarz gekleidet – alles war vorbereitet.

Nur die Gäste fehlten.

Das Merkwürdige war: Leute gab es genug. Sie standen und gingen rund um das Restaurant herum, aber niemand setzte sich an einen Tisch. Wir beobachteten das eine Weile und konnten uns keinen Reim darauf machen.

Vielleicht war das Restaurant zu teuer? Vielleicht konnten oder wollten sich die Leute ein richtiges Mittagessen nicht leisten?

Wir hatten Hunger. Also setzten wir uns.

Die Kellner bedienten uns, wir bestellten unser Essen und dazu einen guten Wein.

Das Essen war nicht schlecht, und eigentlich hätten wir zufrieden sein können.

Nur diese Leute irritierten uns.

Sie standen noch immer draussen herum und sahen zu uns herein.

Fast ein bisschen mitleidig. Was war hier los?

Kurz vor zwölf wurden die Kellner plötzlich unruhig. Sie drängten darauf, dass wir unsere Rechnung bezahlten. Kaum hatten wir das getan, begann eine unglaubliche Verwandlung.

Die weissen Tischtücher verschwanden. Stattdessen kamen rot-weiß karierte Decken auf die Tische. Aus dem vornehmen Restaurant wurde innerhalb weniger Minuten eine italienische Pizzeria. Überall hörte man plötzlich

„Avanti!“, „Permesso!“ und „Subito!“.

Die Leute, die vorher geduldig draussen gewartet hatten, strömten herein. Im Nu war jeder Tisch besetzt, es wurde gegessen, getrunken, geredet und gefeiert.

Und wir begriffen endlich, weshalb man uns vorher so mitleidig angesehen hatte.

Punkt zwölf hatte unsere Fähre offenbar die Grenze auf der Adria überquert. Bis dahin war das Restaurant jugoslawisch geführt worden. Danach übernahm die italienische Seite.

Wir hatten genau zur falschen Zeit gegessen.

Eine halbe Stunde später hätten wir Pizza bekommen, vermutlich besser gegessen und wahrscheinlich noch mehr Spass gehabt.

Aber immerhin hatten wir wieder etwas gelernt:

Auf einer Fähre von Jugoslawien nach Italien sollte man mit dem Mittagessen warten, bis die Tischdecken kariert sind.

21

Hazyland und der FC Basel

Basel war meine Heimatstadt, und natürlich spielten wir während meiner Musikerjahre auch im Hazyland Basel.

Für mich war das ein besonderes Engagement. Einmal nicht irgendwo in Schweden, Österreich, Deutschland oder in einem Schweizer Ferienort, sondern zu Hause in Basel.

Und selbstverständlich war auch Magdalena dabei.

Zum Programm im Hazyland gehörte damals Alfredo, ein bekannter Komiker, der unseren Showteil bestritt. Alfredo war bereits ungefähr 75 Jahre alt, aber zwischen ihm und der jungen Magdalena entwickelte sich ein ausgesprochen herzliches Verhältnis. Sie mochte ihn sehr und sass deshalb während unserer Auftritte manchmal bei ihm in der Garderobe.

Nur war sie dort keineswegs immer allein.

Der FC Basel erlebte damals eine seiner grossen Zeiten. Die Mannschaft war Schweizermeister und Cupsieger, und einige Spieler verkehrten regelmässig im Hazyland.

Trainer Helmut Benthaus gehörte dazu, ebenso Othmar Hitzfeld, den man heute natürlich vor allem als späteren Erfolgstrainer kennt. Damals war er Mittelstürmer beim FC Basel.

Wenn am nächsten Tag ein Spiel anstand, hatten die Herren allerdings ein kleines Problem:

Im Hazyland gemütlich etwas zu trinken war eine Sache – dabei von den Gästen gesehen zu werden eine andere.

Also zog man sich dorthin zurück, wo es diskreter zuging.

In die Garderobe.

Und dort sass bereits Magdalena.

So konnte sich hinter den Kulissen des Hazyland eine ziemlich illustre kleine Gesellschaft versammeln: der 75-jährige Alfredo, Magdalena und einige Spieler des FC Basel, die am nächsten Tag möglichst ausgeruht auf dem Fussballplatz erscheinen sollten. Wie ausgeruht sie tatsächlich waren, entzieht sich meiner Kenntnis.

Nach dem Ende meiner Musikerlaufbahn kehrte ich nach Basel zurück, aber meine Begeisterung für den FC Basel blieb.

Zusammen mit Freunden kaufte ich mir eine Loge im St. Jakob-Stadion. Das war damals ein Erlebnis für sich. Bei grossen Spielen standen gleich neben uns manchmal gegen 40’000 Menschen dicht gedrängt, während wir es in unserer Loge ausgesprochen gemütlich hatten.

Vor allem aber waren wir hautnah bei den Spielern. Sie gingen an uns vorbei, grüssten beim Hinein- und Herausgehen und blieben auch einmal für einen kurzen Schwatz stehen.

Auch Magdalena gab ich eine Logen-Karte.

Selbst nachdem wir längst nicht mehr zusammen waren, kam sie weiterhin ins Stadion und konnte sich dort frei bewegen. Die alten Bekanntschaften waren schließlich geblieben, und die Spieler kannten sie noch immer.

Meine Freunde und ich waren so grosse FCB-Fans, dass uns nicht einmal die Heimspiele genügten. Wir fuhren auch zu Auswärtsspielen, selbst wenn es eigentlich um gar nichts ging. So landeten wir eines Tages in Neuenburg bei einem Freundschaftsspiel gegen Xamax.

Vor dem Spiel kamen die Basler Spieler auf den Platz. Jeder hatte einen Ball, und sie begannen sich einzuspielen. Wir standen am Rand, Magdalena natürlich bei uns. Plötzlich entdeckte Othmar Hitzfeld unsere kleine Gruppe.

„Hey Freunde!“

Dann sah er Magdalena.

„Was machst DU denn hier?“

Er kickte seinen Ball zu ihr herüber und rief: „Behalte ihn!“

Ein paar seiner Mannschaftskollegen fanden diese Idee offenbar ausgezeichnet und machten es ihm nach.

Der nächste Ball flog zu Magdalena, dann noch einer und noch einer.

Innerhalb kürzester Zeit stand sie am Spielfeldrand und wurde von den Spielern des FC Basel mit Fussbällen eingedeckt.

Auf dem Platz entstand inzwischen ein kleines praktisches Problem:

Es waren kaum noch Bälle zum Einspielen da, und damit war das Einspielen mehr oder weniger beendet.

Die Leute um uns herum schauten Magdalena mit einer Mischung aus Verwunderung und Ehrfurcht an. Wer um Himmels willen war diese schöne Frau, der die Spieler des FC Basel ihre Fussbälle schenkten?

Wir hätten natürlich versuchen können, mit unserer Beute nach Basel zurückzufahren.

Stattdessen verteilten wir die Bälle an die Kinder, die um uns herumstanden und ihr Glück kaum fassen konnten.

Einen haben wir behalten.

Balmer – Stohler – Hitzfeld – Wenger – Rhyner – Ramseier – Benthaus

Kiefer – Odermatt – Demarmels – Rahmen – Hasler – Mundschin

Fischli – Laufenburger – Kunz – Siegenthaler

Don Alfredo

22

Meine Profikarriere geht zu Ende

Wir waren wieder einmal in Velden am Wörthersee. Ich wohnte im Schlosshotel und entdeckte dort das Tennisspielen für mich. Der Funke hatte wohl schon früher in Gstaad gezündet, wo ich Spieler wie Ken Rosewall und Ilie Năstase aus nächster Nähe bewundern konnte.

Jetzt wollte ich es selbst versuchen. Ich nahm täglich Tennisstunden und war schon bald Mitglied einiger lustiger Doppelrunden unter den Hotelgästen.

Mit einem distinguierten Herrn aus Düsseldorf verstand ich mich besonders gut.

Er war Inhaber einer Versicherungsbroker-Firma, und irgendwann kamen wir auf seinen Beruf zu sprechen. Damit landeten wir ausgerechnet bei einem Thema, von dem ich tatsächlich etwas verstand. Vor meiner Musikerzeit hatte ich eine kaufmännische Ausbildung absolviert und mich intensiv mit Transportversicherungen und dem Seerecht beschäftigt. Ich hatte auf diesem Gebiet meine Diplome gemacht und mochte die Materie sehr.

So saßen wir plötzlich stundenlang zusammen und unterhielten uns über Versicherungen, Schiffe und Risiken auf den Weltmeeren. Er war offenbar ziemlich erstaunt darüber, dass der Drummer aus dem Showorchester bei solchen Themen mitreden konnte.

Aus unseren Gesprächen entwickelte sich mit der Zeit ein erstaunliches Angebot:

Er war kinderlos und schlug mir vor, nach Düsseldorf zu kommen, zunächst bei ihm zu wohnen und in seine Firma einzusteigen. Er wolle mich aufbauen und könne sich vorstellen, dass ich eines Tages sein Nachfolger werde.

Das war verlockend. Sehr sogar. Am Ende lehnte ich trotzdem ab.

Aber das Angebot hatte etwas in Bewegung gebracht. Zum ersten Mal dachte ich ernsthaft darüber nach, ob mein Leben als Berufsmusiker vielleicht nicht ewig weitergehen würde.

Auch bei José Marka spürte ich, dass sich etwas veränderte. Er sagte irgendwann ganz offen, dass es ihm reiche. Im Wallis konnte er verschiedene Dancings seines Bruders übernehmen, finanziell war er längst abgesichert. Warum also noch jahrelang von Engagement zu Engagement ziehen?

Auch Kleinigkeiten fielen mir plötzlich auf, die ich während meiner Musikerjahre einfach als Teil dieses Lebens hingenommen hatte.

Ich konnte zum Beispiel praktisch nie fernsehen. Tagsüber wurde damals noch kaum gesendet und das Testbild machte sich über mich lustig, und abends sass ich hinter dem Schlagzeug.

Einige wenige Ereignisse habe ich trotzdem vor dem Bildschirm erlebt.

Natürlich die Mondlandung 1969. Und später, im Februar 1972, die Olympischen Winterspiele in Sapporo.

Wegen der Zeitverschiebung liefen die Skirennen zu einer für uns Berufsmusiker geradezu idealen nachtschlafenden Zeit.

Besonders erinnere ich mich an die Abfahrt der Männer. Bernhard Russi gewann Gold, und Roland Collombin wurde Zweiter – ein Schweizer Doppelsieg. Roland Collombin kannte ich übrigens persönlich. Wir waren uns mehrmals im Dancing in Verbier begegnet, und er war auch mit José befreundet.

So bekam ich ausgerechnet als Nachtarbeiter doch noch etwas von Olympia mit.

Nach all den Jahren unterwegs begann ich mich zu fragen, ob es nicht Zeit war, wieder ein etwas normaleres Leben zu führen. Ich hatte schließlich einen Beruf gelernt und meine Diplome nicht umsonst gemacht. Der Gedanke, in die Versicherungsbranche zurückzukehren, wurde immer konkreter.

Über einen früheren Freund in Basel bekam ich schliesslich einen Gesprächstermin beim Chef einer grossen Versicherungsagentur.

Also reiste ich nach Basel und stellte mich vor.

Der Mann imponierte mir vom ersten Moment an. Hinter seiner goldenen Nickelbrille musterte er mich mit glasklaren Augen und sagte ziemlich unverblümt: „Fünf Jahre weg vom Beruf sind eine lange Zeit. Aber wir wollen es versuchen.“

Selbstverständlich waren wir per Sie. Jedenfalls war ich mit ihm per Sie. Er selbst hielt sich nicht immer daran.

Als wir auf das Gehalt zu sprechen kamen, wusste ich, dass dies ein heikler Punkt werden konnte. Ich hatte als Berufsmusiker sehr gut verdient, und mir war vollkommen klar, dass er mir nicht annähernd dasselbe bezahlen konnte.

Das erwartete ich auch gar nicht. Trotzdem musste man über Geld reden.

Mein zukünftiger Chef brauste auf:

„Jetzt geb ich diesem Bürschchen eine Chance – und jetzt will er auch noch ein Gehalt!“

Wir lachten beide und einigten uns schließlich auf einen Anfangslohn, mit dem ich gut leben konnte.

„Du kommst vorne an den Schalter“, sagte er.

Dort wurde ich gleich wieder ins kalte Wasser geworfen, nur diesmal ohne Schlagzeug.

An diesem Schalter war viel los, die Kunden standen vor mir, und nach fünf Jahren außerhalb der Branche musste ich mich erst wieder in manches hineindenken.

Mein Chef beobachtete das offenbar sehr genau. Manchmal kam er nach vorne und verschwand anschließend im verglasten Büro des Chefprokuristen. Von meinem Platz aus konnte ich sehen, wie die beiden zu mir herüberschauten, lange miteinander redeten und mich weiter beobachteten.

Was sie dabei besprachen, wusste ich natürlich nicht.

So schlecht kann es allerdings nicht gewesen sein. Schon nach drei Monaten durfte ich meinen Platz am Schalter verlassen und in die hinteren Gefilde der Agentur wechseln.

Mein Chef war ein Mann von altem Schrot und Korn. Jeden Montag ging er zum Friseur. Dass der Salon montags eigentlich geschlossen war, spielte keine Rolle. Für ihn wurde geöffnet.

Er konnte streng auftreten, hatte aber gleichzeitig einen Humor, den ich sehr mochte.

Eines Tages kam er durch die Tür der großen Agentur und rief quer durch den Raum: „Casti! Casti! Was für eine Schweinerei! Sofort zu mir ins Büro!“

Im ganzen Raum wurde es still.

Meine Kollegen sahen mich an, als würde meine eben erst wiederbelebte Versicherungskarriere nun doch ein schnelles Ende nehmen. Ich selbst hatte eigentlich kein schlechtes Gewissen, eilte aber trotzdem ins Büro und schloss hinter mir die Tür.

Kaum waren wir allein, schoss er los:

„Also, was hat dieser FC Basel gestern wieder für einen Mist gespielt?“

Es ging um Fußball.

Wir lachten herzlich, und als ich wieder hinausging, sahen mich alle gespannt an.

„Ich hab’s knapp überlebt“, sagte ich und ging stolz zurück an meinen Arbeitsplatz.

Mein Chef besaß ein wunderschönes Mercedes Cabriolet. Er wusste genau, wie gerne ich ihn fahren würde, und gelegentlich warf er mir den Schlüssel zu: „Waschen, tanken, bis zwölf Uhr.“

Solche Aufträge führte ich natürlich besonders gewissenhaft aus.

Die Gelegenheit konnte man schließlich nutzen, und so fuhr ich eines Tages mit dem Mercedes auch kurz bei Magdalena vorbei. Wir gingen zusammen einen Kaffee trinken. Es war Winter, das Verdeck blieb geschlossen, und anschließend brachte ich den Wagen selbstverständlich sauber und vollgetankt zurück.

Am nächsten Tag sah mich mein Chef an und begann zu lachen.

„Willst du mich eigentlich in Schwierigkeiten bringen? Meine Frau hat das fremde Parfüm im Auto gerochen.

Rückblickend muss ich sagen, dass ich mit diesem Chef ausserordentlich Glück hatte.

Zwei Negativbeispiele aus meinem früheren und späteren Leben fallen mir dazu ein:

In meiner Lehre als kaufmännischer Angestellter vermasselte mein damaliger Chef einen wichtigen Termin. Ein Kunde wollte seinen neuen Jaguar in den Verkehr bringen und benötigte dafür ein Versicherungsdokument für die Motorfahrzeugkontrolle.

Mein Chef hatte dies vergessen. Der Kunde konnte deshalb mit seinem neuen Wagen nicht wie geplant ins Tessin fahren.

Daraufhin zitierte mich mein Chef zu sich und machte mir einen erstaunlichen Vorschlag: Ich sollte die Schuld auf mich nehmen.

Dafür würde er mir zehn Franken geben.

Das war wirklich ein toller Move.

Für mich brach damals eine kleine Welt zusammen – nicht wegen der zehn Franken, sondern wegen derart wenig Rückgrat.

Ein späterer Chef war ein echter Schlawiner.

Ich war neu in der Firma und fragte, ob ich einen bestehenden Kunden übernehmen könne. Es handelte sich um einen sehr engen Freund.

Mein Chef wusste davon nichts. Mit diesem Kunden – wie mit manchen anderen – war er offenbar nicht besonders gut zurechtgekommen. Also durfte ich ihn betreuen.

Und siehe da: Der Bestand an Versicherungspolicen vergrösserte sich stetig. Unter anderem kamen viele Lastwagen dazu.

Eines Morgens sagte mein Chef zu mir:

„Herr Direktor hat mich angerufen und wünscht wieder Betreuung durch mich.“

Das war natürlich gelogen.

Der „Direktor“ ist und bleibt mein lieber Freund – und ausserdem mein Bandkollege in einer Jazzband.

Später bekam ich sogar noch einen Rüffel, weil ich diese Verbindung in den Akten nicht offengelegt hatte.

Mein Respekt vor diesen beiden Exemplaren von Chefs war damit endgültig in Luft aufgelöst.

23

Meine Zeit mit MONROE – Rockband 1980

Ich nahm an einem geselligen Anlass meines Tennisclubs teil. Die Stimmung war ausgelassen, es wurde gefeiert und eine gute Tanzband spielte.

Plötzlich erinnerten sich meine Tenniskollegen an meine Vergangenheit als Drummer.

„Du musst unbedingt eine Einlage geben! Und ein Drumsolo gehört auch dazu. Avanti, Attacke! Sonst bist du doch auch nicht so scheu. Hopp, hopp, subito!“

Sie fragten den Bandleader, ob ein kurzer Einsatz meinerseits möglich sei. Er war einverstanden, nachdem er natürlich zuerst seinen Drummer gefragt hatte.

Ich gestehe gerne:

Während meiner Zeit als Profimusiker hatte ich solche Situationen gehasst wie die Pest. Irgendwelche angeheiterten Möchtegern-Drummer, die auf meine geliebten Ludwig Drums eindreschen wollten – für mich ein Albtraum.

Aber jetzt war ich plötzlich selbst der fremde Drummer.

Immerhin: Ich war einmal ein gestandener Profi gewesen. Also schritt ich zur Tat.

Wir sprachen uns kurz ab, und schon ging es los. Ein ziemlich schnelles Stück mit einem vertrackten Rhythmus.

Schon nach kurzer Zeit merkte die Band, dass da offenbar nicht irgendein Hobby-Drummer am Schlagzeug sass. Der alte Profi war noch da.

Und offensichtlich hatten sie genügend Vertrauen gefasst, denn plötzlich gab mir der Bandleader ein Zeichen, mit dem ich nun wirklich nicht gerechnet hatte:

Drumsolo.

Das war durchaus mutig von ihm. Schliesslich hatte ich damals sicher schon drei Jahre lang keine Trommel mehr aus der Nähe gesehen. Und was hätte er gemacht, wenn ich mich als völlige Katastrophe entpuppt hätte?

Also spielte ich lieber nichts Kompliziertes, sondern etwas Einfaches, aber Wirkungsvolles.

Es funktionierte.

Jetzt waren auch meine Tenniskollegen begeistert:

„Zugabe! Zugabe!“

Was ich an diesem Abend nicht wusste: Dieses kleine Drumsolo sollte Folgen haben.

Die Rockband MONROE stand gerade vor dem Durchbruch, war aber mit ihrem damaligen Drummer unzufrieden. Die Bardame bei unserem Fest war die Freundin des Gitarristen von MONROE. Und sie berichtete ihm offenbar, dass an diesem Abend ein völlig unbekannter Drummer ziemlich gross aufgetrumpft hatte.

Prompt kam einige Tage später ein Telefonanruf von ihrem Manager.

Ob ich zu einer Audition kommen würde?

Jetzt war ich wirklich in der Zwickmühle.

Mein Leben bestand inzwischen aus Arbeit, Familie und Tennisspielen. Mein eigenes Schlagzeug war im hintersten Winkel des Kellers verschwunden.

Aber irgendwie reizte es mich schon.

Noch einmal in einer richtigen Band spielen?

Ich sagte zu.

Die Audition fand auf einem wildfremden Schlagzeug statt – und sie wurde ein voller Erfolg.

Der ehemalige Profi kam wieder zum Vorschein. Und ich muss zugeben:

Es machte einen Riesenspass.

Anstatt nach ein oder zwei Stücken die übliche Antwort zu erhalten:

„Nicht schlecht. Wir melden uns.“

… spielten wir weiter.

Wir jammten und rockten bis tief in die Nacht, dass sich die Balken bogen.

Damit war die Sache entschieden:

Ich wurde Mitglied von MONROE.

Und die Band war wirklich gut.

Ein Schallplattenvertrag wurde ausgehandelt. Das war damals eine sehr grosse Sache.

Wir erschienen auf dem Cover eines Popmusik-Magazins.

Sogar das Schweizer Fernsehen drehte mit uns einen schönen Clip in einer Motorfahrzeugwerkstatt, der im ersten Programm ausgestrahlt wurde.

Eigentlich hätte jetzt eine schöne Karriere beginnen können.

Musikalisch funktionierte es.

Menschlich überhaupt nicht.

In der Band gab es ständig Streit. Ich hielt mich so gut es ging aus allem heraus, aber irgendwann half auch das nichts mehr.

Bereits nach sechs Monaten war der Spuk vorbei.

So hat MONROE geklungen:

https://youtu.be/P7sLPmXKMzU


Monroe Playlist Link:

https://www.youtube.com/playlist?list=PLECtzrBqZ8iaiuRm0nKmDmHlLIfl4iD4w


VIDEO SWISS TV


Cover Music Scene

24

Drummerworld – meine zweite Karriere

Viele Jahre waren vergangen, seit ich meine Karriere als Berufsmusiker beendet hatte. Das Schlagzeug war trotzdem nie wirklich aus meinem Leben verschwunden. Dass es mich Jahrzehnte später noch einmal in eine völlig neue Welt führen würde, konnte ich damals nicht ahnen.

1995 lag ich im Spital. Meine Tenniskarriere war beendet, mein Rücken musste operiert werden. Mein bester Freund besuchte mich und brachte mir ein ungewöhnliches Geschenk mit: seinen Mac-Laptop. „Damit kannst du ein bisschen herumspielen“, sagte er.

Und dann zeigte er mir etwas, das für uns heute selbstverständlich ist, damals aber noch beinahe exotisch war: das Internet.

Das Modem schnurrte, pfiff und piepste, wir warteten – und tatsächlich erschien irgendwann ganz langsam ein Bild auf dem Bildschirm.

Die Operation verlief gut, aber dieses Internet ließ mich nicht mehr los. Noch im Spital kam mir der Gedanke, dass ich selbst eine Webseite machen könnte.

Nur worüber? Motorräder? Autos? Drums? Yess – das war’s.

Ich begann mit den drei berühmtesten Schlagzeugern, die mir spontan in den Sinn kamen: Buddy Rich, Steve Gadd und Bernhard Castiglioni.

Jeder bekam seine eigene Seite, ausgeschmückt mit Fotos, einer Biografie und sogar Soundbeispielen.

Natürlich war das ein Witz. In der Liga von Buddy Rich und Steve Gadd hatte ich nie gespielt, aber es war schließlich meine Webseite, und da durfte ich mich wenigstens am Anfang selbst einladen.

Meine Karriere als einer der drei grössten Drummer der Welt dauerte allerdings nicht besonders lange. Schon kamen die ersten Reaktionen.

Wenn Buddy Rich dabei sei, müsse natürlich auch Gene Krupa hinein. Und wenn Steve Gadd dazugehöre, dann könne Dave Weckl nicht fehlen.

Immer neue Namen kamen dazu, und aus drei Drummern wurden zehn, fünfzig und schließlich hundert. Irgendwann musste Bernhard Castiglioni die illustre Gesellschaft wieder verlassen.

Das fiel mir nicht allzu schwer.

Heute kann man sich kaum noch vorstellen, wie leer das Internet damals war. Es gab kein YouTube und kein Wikipedia, und selbst gute Bilder bekannter Musiker waren im Netz kaum zu finden.

Informationen, die heute innerhalb von Sekunden auf dem Bildschirm erscheinen, mussten mühsam zusammengesucht werden.

Genau darin lag die große Chance von Drummerworld.

Ein lieber Freund stellte mir zwanzig Jahrgänge eines Schlagzeugmagazins zur Verfügung, und ich begann, Bilder einzuscannen und Informationen zusammenzutragen. Biografien, Fotos und Soundbeispiele wurden gesammelt, bearbeitet und ins Netz gestellt.

Die Seite wuchs und wurde immer bekannter.

Grosse DVD-Produzenten und Verlage begannen, mir ihre Produktionen zu schicken. Sie wollten, dass ich kurze Ausschnitte auf Drummerworld veröffentlichte, um ihre DVDs bekannt zu machen. Für mich waren diese Videos eine enorme Bereicherung der Webseite, für die Produzenten waren sie Werbung. Eine klassische Win-win-Situation.

Aus den ersten drei Schlagzeugern waren inzwischen rund fünfhundert geworden, und Drummerworld war längst keine kleine private Webseite aus der Schweiz mehr.

Nun geschah etwas, womit ich niemals gerechnet hatte: Die weltberühmtesten Drummer wurden selbst auf Drummerworld aufmerksam. Sie schickten mir Fotos, Videos, Biografien und anderes Material, weil sie auf der Seite vertreten sein wollten.

Gleichzeitig hatte sich in der Musikszene herumgesprochen, dass auch bekannte Sängerinnen, Sänger und Produzenten Drummerworld durchstöberten, wenn sie für ein neues Projekt einen Schlagzeuger suchten.

Damit bekam die Aufnahme in meine Galerie plötzlich einen Stellenwert, den ich nie geplant hatte. Wer auf Drummerworld vertreten war, wurde gesehen.

Im Umkehrschluss entstand bei manchen offenbar sogar das Gefühl: Wer nicht auf Drummerworld ist, findet nicht statt.

Natürlich hätte ich nun einfach jeden aufnehmen können, der darum bat. Aber genau das wollte ich nicht. Meine Linie war klar: keine Eintagsfliegen.

Drummerworld sollte eine Auswahl bleiben und nicht zu einem Telefonbuch für Schlagzeuger werden.

Wenn ich bei jemandem unsicher war, konnte ich inzwischen auf eine Möglichkeit zurückgreifen, die ich mir einige Jahre zuvor niemals hätte vorstellen können:

Ich fragte einen der Stardrummer nach seiner Meinung. So halfen mir manchmal genau jene Musiker bei der Auswahl, die ich früher selbst bewundert hatte.

Auch Google wurde auf Drummerworld aufmerksam und lud mich in sein europäisches Zentrum in Zürich ein, um über meine Erfahrungen zu berichten.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt war klar, dass aus meinem Zeitvertreib nach einer Rückenoperation etwas entstanden war, dessen Dimension ich am Anfang völlig unterschätzt hatte.

Dann begann die Reiserei.

Ich flog zur NAMM Show nach Anaheim, zur PASIC nach Austin und Columbus, besuchte die London Drum Show und natürlich die Musikmesse in Frankfurt.

Für einen Schlagzeuger war das ein Paradies. Dort waren sie alle versammelt:

Die Drummer, deren Platten ich früher gehört und deren Spiel ich bewundert hatte. Viele von ihnen waren inzwischen auf Drummerworld vertreten und kannten mich.

Die grossen Drummer standen auf diesen Messen meistens bei ihren Endorsern, also bei den Firmen, deren Instrumente, Becken, Felle oder Sticks sie spielten und vertraten.

Ich hatte einen großen Vorteil: Ich gehörte zu keiner Firma. Ich konnte mich frei bewegen, von einem Hersteller zum nächsten gehen und überall meine Kontakte pflegen. Ich war unabhängig und trotzdem überall herzlich willkommen.

Drummerworld hatte inzwischen einen Bekanntheitsgrad erreicht, den ich mir bei den ersten Gehversuchen im Internet niemals hätte vorstellen können.

Wohin ich auch kam – ob in Anaheim, Austin, London oder Frankfurt, unter den professionellen Drummern kannte man Drummerworld, und meistens kannte man auch mich.

Das war manchmal schon ein eigenartiges Gefühl. Ich war ja nicht als berühmter Schlagzeuger dorthin gekommen.

Im Gegenteil: Aus Namen auf Plattenhüllen waren für mich Menschen geworden, und aus manchen Bekanntschaften entstanden Freundschaften.

Irgendwann stand ich ganz selbstverständlich neben Steve Gadd für ein Foto – einem jener drei Drummer, mit denen Drummerworld in meinem Spitalbett angefangen hatte.

Nur Buddy Rich konnte ich leider nicht mehr kennenlernen.

Was nach aussen vielleicht wie ein wunderbares Hobby aussah, war allerdings längst zu einer Vollzeitbeschäftigung geworden.

Drummerworld bedeutete nicht nur Reisen, berühmte Musiker und schöne Begegnungen. Die Webseite musste jeden Tag gepflegt werden. Material sichten, Bilder bearbeiten, Videos vorbereiten, Biografien aktualisieren, neue Drummer beurteilen, Kontakte pflegen, E-Mails beantworten und technische Probleme lösen – ungefähr acht Stunden am Tag gingen dafür drauf.

Mit bald achtzig Jahren merkte ich schließlich, dass meine Energie nicht unbegrenzt war. Vor allem die Reiserei begann mich zu erschöpfen.

Ich suchte nach einem Nachfolger, doch das war schwieriger, als ich gedacht hatte. Eine bekannte Webseite zu übernehmen klang vielleicht attraktiv. Aber gleichzeitig acht Stunden am Tag dafür zu arbeiten, war für viele eine ziemlich große Hypothek.

Schließlich fand sich eine grosse Firma in den USA, die Drummerworld übernehmen wollte.

Man versprach mir, die Seite in meinem Sinne weiterzuführen und daraus eine moderne, topaktuelle Newsplattform für die internationale Drummerwelt zu machen.

Der Preis war sehr gut, meine Skepsis trotzdem groß. Schließlich stimmte ich zu.

Leider wurden die Pläne nicht verwirklicht.

Die eigentliche Drummerworld-Webseite, wie ich sie aufgebaut und über viele Jahre gepflegt hatte, existiert heute nicht mehr.

Geblieben sind das Diskussionsforum und die YouTube-Plattform mit immerhin rund 440’000 Abonnenten.

Das tut weh. Wenn man etwas über so viele Jahre aufgebaut und einen beträchtlichen Teil seines Lebens hineingesteckt hat, möchte man natürlich, dass es weiterlebt.

Aber ich kann Drummerworld nicht nur von seinem Ende her betrachten.

Was 1995 in einem Spitalbett mit einem geliehenen Mac-Laptop und einem piepsenden Modem begann, führte mich noch einmal um die Welt.

Ich lernte die Schlagzeuger persönlich kennen, die ich früher bewundert hatte.

Einige wurden Freunde. Aus einer kleinen Webseite in der Schweiz wurde eine internationale Plattform für Drummer, und über viele Jahre gehörte sie zu meinem täglichen Leben.

Meine Karriere als Berufsmusiker hatte ich Jahrzehnte zuvor beendet.

Das Schlagzeug aber hatte mich nie losgelassen.

Vielleicht war Drummerworld deshalb gar keine zweite Karriere, sondern einfach die Fortsetzung der ersten mit anderen Mitteln.

Angefangen hatte alles mit drei Namen: Buddy Rich, Steve Gadd und Bernhard Castiglioni. Einer der drei musste die Galerie zwar ziemlich schnell wieder verlassen.

Aber irgendwie ist er bis zum Schluss dabei geblieben.

Steve Gadd und Bernhard

Die Webseite mit Musik von Bernhard Castiglioni ist hier: https://youtubedrumvideos.com/